Corona-Tagesimpulse

Die Tagesimpulse machen einige Tage Urlaub. Bis demnächst!

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 3. April 2021

Der Tag danach: Wenn Gott schweigt

Die Geschäfte haben heute geöffnet. Menschen decken sich dann normalerweise für die nächsten beiden Feiertage ein, als müsse man sich auf ganz schlechte Zeiten einstellen. Irgendwie aber ein relativ normaler Tag nach dem stillen Karfreitag.

Eigentlich müsste aber gerade der Karsamstag der stillste Tag sein. Der Tag, an dem Jesus getötet wurde, war von Anfang bis Ende hektisch, dramatisch und ereignisreich. Auch der Ostersonntag, der Auferstehungstag, ist ein Tag voller Bewegung, voller Fragen und Antworten, Zweifel und Hoffnungen. Aber der Tag dazwischen hat es in sich gehabt. Nicht mehr für uns, aber damals für die Jünger von Jesus.

Vor sechs Jahren haben wir mit etlichen Mitarbeitenden unserer Gemeinde in Leipzig an einem Kongress teilgenommen. John Ortberg, ein amerikanischer Theologe, hielt dort einen Vortrag, der sehr vielen von uns unter die Haut ging. Ortberg redete über das Thema: „Wenn Gott schweigt“. Im Mittelpunkt stand der Karsamstag. Der Tag, an dem nichts geschah. Nicht nur, weil der Tag nach der Kreuzigung ein Sabbat war, an dem alle Arbeit ruhte. Sondern vor allem, weil Jesus tot war und tot blieb. An diesem Tag jedenfalls. Wir wissen, dass diesem Tag der Ostersonntag mit der Auferstehung von Jesus folgte. Die Jünger damals wussten das nicht. Es muss schwer für sie gewesen sein, dieses Schweigen Gottes auszuhalten.

Der Karsamstag ist wie ein Symboltag für diese besonderen Lebenssituationen, in denen wir so gerne hätten, dass Gott eingriffe. Aber es geschieht nichts. Gott schweigt. Die Jünger von Jesus mussten das nur einen Tag aushalten. Manche Menschen wünschen sich vielleicht schon jahrelang, dass Gott endlich handelt: zum Beispiel im Hinblick auf die Tochter, die ins Drogenmilieu abgerutscht ist; oder in der Ehe, in der schon so lange Gleichgültigkeit herrscht; oder bei den alten Eltern, immer noch dem Glauben fern, obwohl die Kinder beharrlich für sie beten. Aber es ist, als ob Gott schweigt.

Mich hat diese Deutung des Karsamstages durch John Ortberg tief bewegt. Seitdem ist dieser Tag für mich ein Trosttag geworden: Mitten in der Zeit des Schweigens Gottes darf ich wissen, dass dieses Schweigen nicht das letzte sein wird. Ostern wird kommen, Gottes mächtiges Reden gegen Tod und Verzweiflung. Und dann werden wir uns umdrehen und sogar im schweigenden Gott den liebenden Vater erkennen. Aber heute, am Karsamstag, müssen wir noch das Schweigen dieses Vaters vertrauensvoll aushalten. Wenn in Ihrem Leben gerade Karsamstag ist, wünsche ich Ihnen alle nötige Kraft dazu.

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 31. März 2021

Noch zwei Tage: Hingabe

Im Klingelbeutel, der während des Gottesdienstes herumgegeben wird, klingelt es tatsächlich. Ein großer Teil der Kollekten besteht aus Münzen. Diese Münzen bei den Banken einzuzahlen, ist mittlerweile allerdings eine recht kostspielige Angelegenheit. Und daher wird hier oder da mit dem digitalen Klingelbeutel experimentiert, Bankkarte genügt. In den letzten Tagen des irdischen Lebens von Jesus spielt sogar die Kollekte eine Rolle, insbesondere zwei Lepta, die kleinsten römischen Münzen, die in Umlauf waren.

Jesus hält sich im Tempel auf. Er setzt sich in die Nähe des sogenannten Schatzkastens und beobachtet das Verhalten der Menschen. Eine Menge reicher Leute sind an diesem Tag dort. Sie spenden großzügig für die Sache Gottes. Dann nähert sich eine Frau. Ihre Kleidung lässt erkennen, dass sie nicht nur Witwe, sondern auch bettelarm ist. Ihre bescheidene Gabe für Gott besteht aus zwei Lepta, umgerechnet auf heutige Verhältnisse etwa ein Euro. Nachdem sie die beiden kleinen Münzen eingeworfen hat, geht sie schnell weiter. Die Jünger von Jesus haben in der Nähe diese Szene ebenfalls gesehen. Nun winkt Jesus sie zu sich.

Er verliert kein kritisches Wort über die Gaben der reichen Leute. Immerhin haben sie wirklich viel gegeben, und das ist ja auch nicht selbstverständlich: Je mehr er hat, je mehr er will … usw., Sie kennen den Spruch. Jesus weist seine Jünger auf die Innenseite der Situation hin und sagt wörtlich dazu: „Sie alle haben von ihrem Überfluss gegeben; diese Frau aber, so arm sie ist, hat alles gegeben, was sie besaß – alles, was sie zum Leben nötig hatte“ (Markus 12,44).

Dieses unterschiedliche Verhalten spiegelt wider, welche Stellung Gott im Leben dieser Menschen wirklich einnimmt. Es ist der Unterschied zwischen Gabe und Hingabe. Bei den einen kommen erst einmal (in welcher Reihenfolge auch immer) Familie, Beruf, Hobbies usw. – und irgendwann, wenn überhaupt, kommt auch Gott an die Reihe. Immerhin bekommt er den Rest ab. Bei der Witwe ist es genau umgekehrt: an erster Stelle steht bei ihr Gott, und im Hinblick auf den Rest hat sie großes Vertrauen, dass Gott schon für sie sorgen wird.

Es geht nicht darum, dass ausgerechnet die Ärmsten ihr letztes Hemd für Gott opfern sollen. Es geht um die Einstellung des Herzens, um einen Glauben, der von Hingabe und Vertrauen geprägt ist. Das sind übrigens die beiden wichtigsten Kennzeichen von Liebe: Hingabe und Vertrauen. Darum ging es ja gestern: Gott mit ganzer Hingabe zu lieben und ebenso die Mitmenschen, das seien die wichtigsten Gebote, hatte Jesus gesagt. Menschen mit dieser Herzenshaltung erleben in der Regel den Sterntaler-Effekt: Hingabe macht nicht ärmer, sondern letztendlich reicher, – auch diese Welt!

Noch zwei Tage, bis wir die größte Hingabe der Liebe überhaupt vor Augen haben.

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 30. März 2021

Noch drei Tage: Doppel-Herz

Es gibt wirklich unnütze Fragen. Hier ein paar bekannte Beispiele: „Woran ist das Tote Meer gestorben?“ „Was passiert, wenn man sich zweimal halbtot lacht?“ oder „Wie kommen die Betreten-verboten-Schilder eigentlich in die Mitte des Rasens?“ – Und es gibt Fragen, die ganz bestimmt wichtig sind, aber die wenigsten interessieren; zum Beispiel die Frage, welche Ziffer an 81. Stelle hinter dem Komma bei der Kreiszahl Pi steht (es ist übrigens die Acht). – Es gibt aber auch Fragen, bei denen man auf die Antwort wirklich gespannt ist. Weil man selbst im Moment gar nicht wüsste, was man sagen sollte. Oder weil man einfach wissen will, wie ein anderer auf diese Frage reagiert. Oder aber, weil einem nicht einmal die Frage an sich eingefallen wäre.

Bei der Frage, um die es heute geht, trifft für mich alles drei zu. Wäre sie mir gestellt worden, hätte sie mich wahrscheinlich auf dem völlig falschen Fuß erwischt. Ich hätte sie mir aber vorher auch gar nicht gestellt. Und deshalb ist es umso interessanter, was Jesus darauf antwortet. Urplötzlich steht sie im Raum, gestellt von einem Schriftgelehrten, der Jesus zugehört hatte: „Was ist eigentlich das wichtigste Gebot von allen?“ – Und: Was hätten Sie geantwortet? Jesus antwortet mit einem Zitat, das jeder fromme Israelit damals in- und auswendig kannte. Weil er es jeden Morgen und Abend betete. Das sogenannte „Schema Jisrael“, benannt nach den ersten beiden Worten der hebräischen Fassung: „Hört, ihr Israeliten! Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Ihr sollt ihn von ganzem Herzen lieben, mit ganzer Hingabe, mit eurem ganzen Verstand und mit all eurer Kraft.“ Vielleicht nickte der Schriftgelehrte zustimmend, als das hörte und holte schon Luft, um etwas dazu zu sagen, da fährt Jesus fort: „Ebenso wichtig ist das andere Gebot: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden“ (Markus 12,29-31).

Möglicherweise haben Sie bei diesem „Doppelherz“-Gebot der Liebe auch innerlich genickt und gemurmelt: gute Antwort! Recht hat Jesus. Und auch ich glaube, dass Jesus uns damit eine überaus weise Richtschnur für unser Leben gegeben hat. Ich bin fest davon überzeugt, dass unser Miteinander in der Gesellschaft kränkelt, wenn man nur eine Seite dieses Doppelherz-Gebotes ernst nimmt. Wenn die Liebe zum Mitmenschen fehlt, wird aus dem Glauben an Gott meist liebloser Fanatismus. Wo die Ehrfurcht vor Gott auf der Strecke bleibt, geht auch die Achtung vor dem Mitmenschen oft verloren. Die Geschichtsbücher sind voll von Beispielen für beides. Vielleicht hat die Menschen in Israel gerade das an Jesus damals so fasziniert: dass die Hingabe an Gott und die Liebe zu uns Menschen bei ihm mit Händen zu greifen ist. Und diese Doppelherz-Liebe ist es, für die er am Ende bis ans Kreuz geht. Nur noch drei Tage!

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 29. März 2021

Am Ende dieses Tagesimpulses gibt es noch ein „Extra“!

Dreißig Silbermünzen

Wieviel ist ein Menschenleben wert? Diese Frage ist bekanntlich schwer zu beantworten. Der Wert des Lebens von Jesus war jedenfalls einmal Verhandlungssache. Und man wurde sich schnell einig. So beschreibt der Evangelist Matthäus das: „Danach ging einer der Zwölf – es war Judas Iskarioth – zu den führenden Priestern. Er fragte: ‚Was gebt ihr mir dafür, dass ich euch Jesus ausliefere?‘ Sie zahlten im dreißig Silberstücke. Von da an suchte Judas nach einer günstigen Gelegenheit, um ihnen Jesus in die Hände zu liefern“ (Matthäus 26,14-16).

Immerhin: dreißig Silbermünzen waren nicht wenig. Umgerechnet auf heutige Verhältnisse war das wahrscheinlich ein Blutgeld in fünfstelliger Höhe. Warum greift Judas zu? Aus Geldgier? Wahrscheinlich nicht. Noch bevor Jesus zum Tod verurteilt wird, bereut Judas seinen Verrat und wirft das Geld den führenden Priestern im Tempel wieder vor die Füße. Bis heute bleibt es ein Rätsel, warum Judas Jesus an seine Feinde verkauft hat. Manche glauben, dass Judas seinen Rabbi dadurch zwingen wollte, sich unter dem dann wachsenden äußeren Druck als Messias öffentlich zu outen und seine Macht zu zeigen. Jesus jedenfalls unterstellt Judas keine positiven Motive. Fest steht: Judas sorgt entscheidend mit dafür, dass die Passion von Jesus zügig ins Rollen kommen kann, warum auch immer er das tut.

Fest steht auch: Judas versucht, seine Tat wieder rückgängig zu machen. Er muss allerdings die Gesetzmäßigkeit des Faktors Zeit erkennen: sie lässt sich nicht einfach zurückdrehen! Schuld ist nicht ungeschehen zu machen, auch wenn man Wiedergutmachung betreiben kann. Schuld kann nur vergeben werden. Erst Vergebung macht einen echten Neuanfang möglich. Die Tragik im Leben des Judas ist die Tragik vieler: sie versuchen es mit Wiedergutmachung, aber nicht mit Vergebung. Vielleicht, weil Wiedergutmachung aus eigener Stärke erfolgen kann, während Vergebung auf die Gnade des anderen angewiesen ist. War es vielleicht bei Judas auch sein Stolz, der ihn schließlich an sich selbst verzweifeln ließ, weil er keinen Ausweg sah?

Dabei hatte Jesus ihm beim Abendmahl gemeinsam mit den anderen Jüngern extra noch einmal gesagt, dass sein Sterben unausweichlich sei. Auch wenn Judas durch seinen eigenartigen Menschenhandel daran mitschuldig war: im Grunde steht er trotzdem in einer Reihe mit allen anderen. Es ist ja auch meine Schuld, die Jesus ans Kreuz gebracht hat. Also hätte auch Judas genauso wie jedem von uns die Vergebung durch Jesus offen gestanden. Aber es ist scheinbar so massiv in unsere Herzen programmiert, dass wir fast alles, sogar Erlösung lieber aus eigener Kraft schaffen wollen. Am Ende erkennt Judas: das geht nicht! Und dann bleiben nur noch drei Wege offen: entweder man entfernt sich innerlich so weit von Jesus, bis einem Jesus völlig gleichgültig wird. Das konnte und wollte Judas nicht. Oder man scheitert aus Stolz an seinem Versagen und endet tragisch wie Judas, der sich schließlich das Leben nahm. Oder man wählt den dritten Weg: den Weg der Vergebung. Petrus hat sich für diesen Weg entschieden. Darüber übermorgen ein wenig mehr. Heute ist vor allem wichtig, dass wir den dritten Weg wählen, egal, ob unsere Schuld mit dreißig Silberstücken beziffert werden kann oder noch ganz andere Ausmaße hat. Denn diese befreiende Nachricht hätte ich Judas so gerne gesagt: Egal wie groß deine Schuld ist, die vergebende Liebe von Jesus ist immer größer!

Die Gedanken von Sefora Nelson zum Bibeltext!

SONNTAGSIMPULS MATTHÄUS, 28. März 2021

Nicht was, sondern wer!

Man hatte ihm beiläufig von ihr erzählt. Das hatte ihn neugierig gemacht. Bei einer Feier kam es dann zufällig zur persönlichen Begegnung. Wie sie sich gab, was sie sagte, ihr Aussehen und ihr Humor, – all das begeisterte ihn auf der Stelle. Sollte sie vielleicht seine Frau für’s Leben sein? Mit dieser hoffnungsvollen Erwartung ging er auf sie zu. Sie kamen ins Gespräch. Alles lief gut. Bis diese Frau auf sie zukam, sie ihn den Arm nahm und auf den Mund küsste. Erst da bemerkte er, dass beide den gleichen Ring trugen. Wie enttäuschend!

Ähnlich ging es vielen Menschen in Bezug auf Jesus, kurz vor seinem Tod. Dabei fing auch dort alles scheinbar so gut an. In Matthäus 21 lesen wir, wie Jesus seine Jünger bittet, einen Esel für ihn zu besorgen. Auf diesem Reittier der armen Leute zieht er vom kleinen Jerusalemer Vorort Betfage aus in die Heilige Stadt ein. Er wird von den Massen am Wegrand begrüßt wie ein König. In den Versen 8 bis 11 berichtet Matthäus: Die große Volksmenge breitete ihre Mäntel auf der Straße aus. Andere schnitten Palmzweige von den Bäumen ab und legten sie ebenfalls auf die Straße. Die Volksmenge, die vor Jesus herging und ihm folgte, reif unablässig: „Hosianna dem Sohn Davids! Gesegnet sei, wer im Namen des Herrn kommt! Hosianna in himmlischer Höhe!“ So zog Jesus in Jerusalem ein. Die ganze Stadt geriet in Aufregung. Die Leute fragten sich: „Wer ist er nur?“ Die Volksmenge sagte: „Das ist Jesus, der Prophet aus Nazaret in Galiläa.“ Soweit der Bericht des Matthäus.

Drei Gruppen von Menschen begegnen uns da am Straßenrand: die einen, die noch nicht viel von Jesus gehört haben und neugierig sind. Sie wollen von den anderen wissen, wer das da überhaupt ist. Die anderen, die ihnen antworten und dabei gleichzeitig ihre Erwartungshaltung an Jesus äußern. Sie halten Jesus für einen Propheten, vielleicht den Propheten, auf den man so lange gewartet hatte. Der den Titel „Sohn Davids“ zu Recht trägt und mit herrschaftlicher Macht aufräumen wird. Und dann sind da die Begeisterten. Sie sind hin und weg von Jesus, dem Wunderheiler, Totenaufwecker, charismatischen Prediger. – In einem sind alle drei Gruppen gleich: sie sind zwar im Moment durch irgendetwas bewegt, Jesus zuzujubeln, wenige Tage darauf aber zutiefst enttäuscht von ihm und lassen es zu, dass man Jesus kreuzigt.

Dabei hat Jesus ihnen mit dem Esel einen aufschlussreichen Hinweis gegeben, wer er wirklich ist: ja, der angekündigte Messias. In Sacharja 9,9, einer Bibelstelle, die schon damals auf den Erlöser Israels gedeutet wurde, war bereits davon die Rede, dass der Messias arm und auf einem Esel reitend in Jerusalem einziehen würde. Eben ganz anders als die Machthaber dieser Welt das täten. Genauso unerwartet anders würde auch die Erlösung aussehen, die dieser Messias bringt. Was bewegt Menschen im Hinblick auf Jesus? Auch heute finden sich Begeisterung, Neugier, Erwartungshaltungen. Aber diese Einstellungen halten nicht durch: Begeisterung ist flüchtig, Neugier erkaltet schnell, Erwartungen werden enttäuscht. Christsein lebt nicht von einer bestimmten Einstellung zu Jesus, sondern von Jesus selbst. Die Frage ist eben nicht, was, sondern wer meinen Glauben ausmacht. Man könnte es auch anders ausdrücken: es geht nicht darum, was ich für Jesus empfinde, sondern was Jesus für mich empfindet. Es geht darum, mir seine Liebe und Erlösung gefallen zu lassen. Entscheidend ist, dass Jesus nicht irgendein zusätzliches religiöses Extra in meinem Leben ist, sondern Mitte und Zentrum meines Leben sein darf. Der Eine für’s Leben. Weil er sein Leben für mich gab. Nur eine solche Jesus-Beziehung endet nicht in einer Enttäuschung, sondern hält durch. Länger als dieses Leben!

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 27. März 2021

Fragen der Bibel – heute: Die Warum-Frage

Heute hat man Navis im Auto. Früher gab es Autokartenwerke, die man angesichts von Größe und Schwere mühelos als Mordinstrument hätte einsetzen können. Aber ist es ihnen schon einmal so gegangen, dass Sie weder das eine noch das andere hatten, aber an einem bestimmten Ziel ankommen wollten? In Italien ist mir das schon einmal so gegangen. Ein Navi hatte ich noch nicht, eine Autokarte von Italien auch nicht. Alles ging gut, solange wir uns auf gut beschilderten, einigermaßen bedeutenden Straßen befanden. Aber dann waren wir im Zielort angekommen und hatten nicht die geringste Ahnung, wo sich das genaue Ziel befand. Mittlerweile war es dunkel und nur wenige Menschen waren unterwegs, die man hätte fragen können. Da schleicht sich ein eigenartiges, unangenehmes Gefühl in die Magengegend und die Verunsicherung wird von Minute zu Minute größer.

Ganz ähnlich ist das Gefühl, wenn entscheidende Fragen in unserem Leben offen bleiben. Viele davon beginnen mit einem „Warum?“. Denn auch im Leben an sich brauchen und suchen wir klare Orientierung. Innere Orientierungslosigkeit verunsichert uns ebenso wie eine Autofahrt ohne Navi und Karte. Das macht die offenen Fragen in unserem Leben so brisant und schmerzhaft. Wir haben das dringende Bedürfnis nach Antworten, bekommen aber keine befriedigenden. Und dann drängt sich die größte „Warum“-Frage überhaupt auf. Es ist nicht die Frage nach dem Leid in dieser Welt, sondern die Frage: Warum, Gott, antwortest du nicht auf meine drängendsten Fragen? Warum lässt du mich ausgerechnet mit diesen Fragen allein?

An dieser Stelle könnte ich wunderbar das Gedicht von den zwei Fußspuren im Sand einfügen. Aber erstens ist das schon zu bekannt und zweitens lässt auch diese Geschichte immer noch manche Fragen offen. In knapp einer Woche feiern wir aber Karfreitag, wenn auch leider immer noch nicht in unseren Kirchen. An diesem Tag haben wir den gekreuzigten Jesus Christus besonders vor Augen. Wir begleiten ihn gedanklich in seinen letzten Stunden vor dem Tod und hören seine letzten Worte. Eines davon ist ein Zitat. Offensichtlich hat Jesus am Kreuz Teile aus Psalm 22 gebetet. Möglicherweise, weil der Vers 9 darin wie ein prophetisches Wort wirkt und die Verspottung von Jesus durch seine Widersacher fast wörtlich vorwegnimmt. Auf jeden Fall hört man Jesus plötzlich laut den Beginn dieses Psalmes in seiner aramäischen Muttersprache rufen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27,46). Auch die nächsten Sätze aus Psalm 22 spiegeln ganz sicher die innere Zerrissenheit von Jesus wider: „Warum bist du so weit weg und hörst mein Stöhnen nicht? Mein Gott! Den ganzen Tag rufe ich, aber du gibst mir keine Antwort.“

Auch wenn ich das glücklicherweise noch nicht oft erleben musste: ich kenne Zeiten, in denen mir solche Sätze aus dem Herzen gesprochen gewesen wären. Ich hätte so gerne verstanden, warum Gott mir dies oder jenes zumutet, aber ich bekomme keinen Durchblick von Gott. Das zermürbt. Und dann versuche ich das zu tun, was mir oft in schwierigen Situationen hilft: ich fliehe mit meinen Fragen zu Jesus ans Kreuz. Auch mit meinen unbeantworteten „Warum“-Fragen. Dort warten nicht alle Antworten. Aber irgendwie ist mein „Warum?“ dort eingebettet in das „Warum?“ von Jesus. Mein Gefühl, dass Gott gerade weit weg ist, wird dann ertragbarer. Weil Jesus es kennt, selbst durchlitten und für mich ausgehalten hat. Und weil mir Gott in meinen großen offenen Fragen nirgendwo näher ist als am Kreuz. Ausgerechnet die Frage von Jesus „Warum hast du mich verlassen, Gott?“ bringt mich in die Nähe Gottes zurück. – Wohin fliehen Sie mit Ihren großen offenen Fragen?

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 26. März 2021

Fragen der Bibel – heute: Herrliche Fragen

Es gibt einen Bibelabschnitt im Römerbrief, in dem Paulus eine Frage nach der anderen stellt, sieben auf einen Streich. Die meisten davon sind rhetorische Fragen, die schon auf ihre Ant-wort hindrängen oder sie sogar enthalten. Auch wenn ich normalerweise in den Tagesimpul-sen nur einzelne Bibelverse zitiere, möchte ich heute diesen ganzen, beinahe hymnischen Teil vorlesen, nämlich Römer 8,31-39. Die junge christliche Gemeinde in Rom hatte es damals nicht leicht. Das Christentum breitete sich in der damals bekannten Welt zwar rasant aus. Das brachte aber gleichzeitig viele Neider und Feinde auf den Plan. Paulus, der Briefeschreiber, war früher selbst einer davon gewesen. Aber dann begegnete ihm Jesus, und alles wurde an-ders. Allerdings für Paulus nicht unbedingt komfortabler. Kaum Christ geworden, begann man, ihm nach dem Leben zu trachten. Das, was er den Christen in Rom schreibt, ist gleichzeitig das, was ihn ganz persönlich hält und trägt, gerade in schweren Zeiten. Deshalb sprechen diese Verse bis heute vielen Menschen direkt ins Herz, vielleicht ja heute Ihnen. Hier sind sie (in der Übersetzung der Basis-Bibel):

„Was sollen wir noch mehr sagen?
Wenn Gott für uns ist, wer kann sich dann noch gegen uns stellen?
Er hat ja seinen eigenen Sohn nicht verschont.
Vielmehr hat er ihn für uns alle in den Tod gegeben.
Wenn er uns aber seinen Sohn geschenkt hat,
wird er uns dann nicht auch alles andere schenken?
Wer kann also Anklage erheben gegen die Menschen, die Gott ausgewählt hat?
Gott selbst erklärt sie doch für gerecht!
Wer kann uns da noch verurteilen?
Schließlich tritt doch Christus Jesus für uns ein – der gestorben ist, mehr noch:
der auferweckt wurde und an der rechten Seite Gottes sitzt.
Was kann uns von Christus und seiner Liebe trennen?
Etwa Leid, Angst oder Verfolgung,
Hunger oder Kälte, Gefahr oder gar die Hinrichtung?
Schließlich heißt es ja in der Heiligen Schrift:
»Weil wir uns zu dir bekennen, bedroht man uns täglich mit dem Tod.
Wie Schlachtvieh werden wir behandelt.«
Doch aus alldem gehen wir als strahlende Sieger hervor.
Das haben wir dem zu verdanken, der uns so sehr geliebt hat.
Ich bin zutiefst überzeugt:
Nichts kann uns von der Liebe Gottes trennen –
nicht der Tod und auch nicht das Leben,
keine Engel und keine weltlichen Mächte,
nichts Gegenwärtiges und nichts Zukünftiges
und auch keine andere gottfeindliche Kraft.
Nichts Über- oder Unterirdisches
und auch nicht irgendetwas anderes, das Gott geschaffen hat –
nichts von alledem kann uns von der Liebe Gottes trennen.
In Christus Jesus, unserem Herrn, hat Gott uns diese Liebe geschenkt.“

Diese Gewissheit wünsche ich Ihnen heute, egal, was der Tag bringen mag!

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 25. März 2021

Fragen der Bibel – heute: Gottes erste Frage

Unser jüngerer Sohn war als kleines Kind quirlig und manchmal unberechenbar. Bei einem Einkauf im Werdohler Kaufhaus passierte es dann. Meine Frau war an einem Kleidungsständer, er kroch drunter – und war im nächsten Moment offensichtlich schon an der anderen Seite herausgekrabbelt und auf Entdeckungstour gegangen. Wahrscheinlich fand er das ganz lustig, meine Frau allerdings weniger. Verzweifelt rief und suchte sie ihn. Vergeblich. Nachdem diverse andere in die Suche mit einbezogen worden waren, fand man ihn schließlich: in der Schaufensterauslage des Kaufhauses. Der Zugang für die Dekorateure hatte einen Spalt offen gestanden und unser Sohn hatte das sofort ausgenutzt. Alle Eltern, die schon einmal nach ihrem Kind auf der Suche waren, können nachvollziehen, wie erleichtert meine Frau war.

Am Montag hörten wir von der ersten Frage der Bibel überhaupt. Es war die Frage der Schlange, die schließlich zum sogenannten „Sündenfall“ führte, das Übertreten des einzigen Verbotes Gottes im Paradiesgarten Eden. Als Adam und Eva, die Platzhalter für die Menschheit an sich, das erkennen, verstecken sie sich vor Gott. Die Frage, die Gott dem Menschen in 1. Mose 3,9 dann stellt, ist eine Frage, die letztlich die ganze Bibel durchzieht: „Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?“

Mit dieser Frage soll ja nicht ausgedrückt werden, dass Gott den Überblick verloren hat. Natürlich weiß Gott, wo Adam und Eva sich versteckt halten. Aber er hat die beiden an sich verloren, vor allem ihr Vertrauen in ihn. Seitdem ist Gott auf der Suche nach dem Menschen und stellt diese Frage immer und immer wieder: „Wo bist du?“ In der Geschichte des Volkes Israel ist es immer wieder so, dass dieses Volk Gott wegläuft, wie seinerzeit unser Sohn im Kaufhaus meiner Frau. Aber ebenso wenig wie sie unseren Sohn lässt Gott sein Volk einfach laufen. Weil er es liebt. Und weil er jeden von uns liebt, sucht er uns: „Wo bist du?“

Dass sich Gott in Jesus auf den Weg in diese Welt gemacht hat, ist der Beginn seiner größten Suchaktion nach uns Menschen. Ihn treibt die verzweifelte Sehnsucht eines Vaters, dass sein verloren gegangenes Kind zurück zu ihm findet. Unüberbietbar hat Jesus das im Gleichnis vom Vater und seinen beiden Söhnen in Lukas 15 deutlich gemacht. In diesem Kapitel der Bibel erzählt er noch zwei andere Gleichnisse. Beiden ist gleich, dass etwas verloren gegangen ist und voller Leidenschaft gesucht wird. Jesus will damit deutlich machen: mit dieser liebevollen Leidenschaft sucht Gott uns. Diese Leidenschaft geht unglaublich weit, sogar bis ins Leiden am Kreuz. Dieses Kreuz ist wie die zum Symbol gewordene Frage Gottes aus 1. Mose 3: „Wo bist du, Mensch?“ Es gibt Fragen, die kann man unbeantwortet und offen im Raum stehen lassen. Diese erste Frage Gottes in der Bibel gehört nicht dazu! Bis heute stellt Gott sie uns – und wartet auf Antwort. Damit wir uns von ihm finden lassen. In Lukas 15 wird dann übrigens auch dreimal die riesige Freude Gottes erwähnt, wenn seine Kinder zu ihm zurückfinden. Die Freude meiner Frau damals in Werdohl war groß, aber nichts im Vergleich zu dieser himmlischen Finder-Freude!

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 24. März 2021

Vor genau einem Jahr haben wir den ersten Matthäus-Corona-Tagesimpuls veröffentlicht, zunächst nur in Textform. Eine Woche später kam die Audio-Fassung hinzu. Da Pfr. Koch für heute und morgen aus zeitlichen Gründen keinen neuen Tagesimpuls verfassen und aufnehmen kann, werden wir ein wenig „nostalgisch“ und wiederholen die ersten beiden Audio-Tagesimpulse des letzten Jahres. Mit dem Wochenthema „Fragen der Bibel“ geht es dann am Donnerstag weiter.

Stichtag 31.03.1889: „Umstritten.“

Schon bei seiner Planung bezeichnete man dieses Bauwerk als Alptraum, tragische Straßenlaterne, Glockenturm-Skelett, konfusen Eisenmast oder düsteren Fabrikschlot, der ein Schandfleck für die ganze Stadt sein werde. Am 31. März 1889 wurde dieses umstrittene Meisterwerk der Ingenieurskunst fertiggestellt – und ist noch heute im übertragenen und wörtlichen Sinn das überragende Symbol seiner Stadt: der Eiffelturm.

Zur Pariser Weltausstellung 1889 erbaut, sollte er eigentlich nach zwanzig Jahren wieder demontiert werden. Doch von Anfang an entwickelte sich der Eiffelturm zu einem Publikumsmagneten, der durch die Eintrittsgelder schon 18 Monate nach der Eröffnung die enormen Baukosten zu Dreiviertel wieder eingebracht hatte. Erst umstritten, dann umjubelt! So war es beim Eiffelturm. – Genau umgekehrt war es bei Jesus: erst umjubelt, dann umstritten. Wir denken daran insbesondere in dieser Woche, an deren Ende der Palmsonntag steht. Daran, wie Jesus umjubelt in Jerusalem einzog, und wie dann die Stimmung in offene Ablehnung bei Vielen umschlug. Der Weg vom „Hosianna“ bis zum „Kreuzige ihn“ war erschreckend kurz! Und nach der Auferstehung wurde Jesus erst Recht zu einer umstrittenen Figur. Aber gerade der Tod am Kreuz, so sagt es Paulus am Anfang des 1. Korintherbriefes, war für die Menschen damals eine Zumutung. Paulus schreibt: „Wenn wir Christus als den Gekreuzigten verkünden, sind die Juden entrüstet und die Griechen erklären es für Unsinn“ (1. Kor. 1,23). – Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Für die einen ist Jesus ein Weisheitslehrer mit tragischem Ende, für die anderen im besten Fall ein Vorbild für Liebe und Leidensbereitschaft. Aber dann gibt es noch die, die aus vollster Überzeugung sagen: „In Jesus begegnet mir Gott selbst und zeigt mir seine Liebe!“ Zu denen gehöre auch ich, – nicht nur, weil ich Pastor bin. Es ist mit Jesus wie mit dem Eiffelturm damals: wer den nur von unten sah, zweifelte vielleicht an seiner Stabilität oder spottete über sein Aussehen. Aber die fast zwei Millionen Menschen, die ihn schon während der Weltausstellung 1889 bestiegen, waren begeistert von Bauwerk und Aussicht. – Wer sich innerlich unbeteiligt, wie von außen, mit Jesus beschäftigt, für den bleibt Jesus immer umstritten. Wer sich vertrauensvoll auf ihn einlässt, wird begeistert erleben, wer Jesus wirklich war – und ist. Und bekommt übrigens ebenfalls eine ganz neue Perspektive auf das Leben!

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 23. März 2021

Stichtag 30.03.1867: „Ein bitterer Tag für Liechtenstein!“

Mitte des 19. Jahrhunderts bot das riesige Zarenreich Russland dem kleinen Fürstentum Liechtenstein ein kaltes, unwirtliches, dünn besiedeltes Stück Land zum Kauf an, ein Schnäppchen angeblich. Die Liechtensteiner prüften das: immerhin ging es um fast 2 Millionen Quadratkilometer Landfläche, allerdings mit ungünstigen klimatischen Verhältnissen und auf der anderen Seite der Erdkugel gelegen. Also winkten sie dankend ab.

Daraufhin ging Russland auf die US-Amerikaner zu. Und am 30. März 1867 unterzeichnete man den Kaufvertrag: für nur 7,2 Millionen US-Dollar, also lächerliche 0,0004 Cent pro Quadratmeter, erwarben die USA Alaska und machten das Land knapp einhundert Jahre später zu ihrem 49. Bundesstaat. Durch die Gold- und später vor allem die Ölvorkommen hat sich dieser Handel mehr als bezahlt gemacht: seit 1976 erhält jeder Bürger Alaskas deshalb jährlich ca. 2.000 Dollar aus der gut gefüllten Staatskasse. – Ob man sich in Liechtenstein wohl heute noch ärgert, dass man seinerzeit die Gelegenheit auf das Geschäft des Jahrhunderts verpasst hatte?

Solche verpassten Gelegenheiten, die nicht wiederkommen, gehören jedenfalls zu den bittersten Lebenserfahrungen, die man machen kann. Das Leben mancher Menschen hat diesen bitteren Beigeschmack, weil sie bei der Berufswahl nicht ihrem Herzen, sondern ihrem Kopf gefolgt sind. Oder weil sie berufliche immer so eingespannt waren und dadurch die prägenden Jahre ihrer Kinder irgendwie verpasst haben. Und manchen geht es bitter nach, dass jemand gestorben ist, bevor man sich mit ihm versöhnen konnte. – Unser Leben ist voller Gelegenheiten, die man ergreifen oder verpassen kann. So wie die Chance, an diesem Tag lebendige Erfahrungen mit Gott zu machen. Im Hebräerbrief heißt es deshalb: „Heute, wenn ihr Gottes Stimme hört, dann verschließt eure Herzen nicht!“ (Hebr. 3,7+8). Bei Alaska ging es letztendlich „nur“ um ein Stück Land. Richtig bitter werden verpasste Gelegenheiten aber immer dann, wenn es um Beziehungen zwischen Menschen geht, oder eben zwischen Mensch und Gott. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen Tag ganz ohne Bitterkeit.

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 22. März 2021

Fragen der Bibel – heute: Frage Nr. 1

In den letzten Jahren haben sich zwei neue Ausdrücke etabliert, wo man früher von Lügen geredet hat: „Fake News“ (also vorgetäuschte Nachrichten) und „alternative Fakten“. Letzteres geht auf Kellyanne Conway zurück, die Pressesprecherin Donald Trumps von 2016 bis 2020. Während Fake News normalerweise frei erfunden sind, werden bei alternativen Fakten Wahrheiten so lange verbogen, bis sie mit dem gewünschten Ergebnis übereinstimmen. Man kann die Wahrheit aber noch hinterhältiger in Frage stellen. Die Regenbogenpresse benutzt diese perfide Methode häufig, um rechtlich nicht angreifbar zu sein. Man packt die Lüge einfach in eine Frage, die geschickt Zweifel an der Wahrheit sät. Die allererste Frage der Bibel ist ein Beispiel dafür.

In 1. Mose 3 lesen wir gleich im ersten Vers folgendes: „Die Schlange war schlauer als alle anderen Tiere des Feldes, die Gott der Herr gemacht hatte. Sie sagte zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt, dass ihr von keinem der Bäume im Garten essen dürft? Natürlich hatte Gott das nicht gesagt und Eva stellt auch sofort klar, dass sich Gottes Verbot nur auf einen einzigen Baum bezog. Aber da war der erste Zweifel schon gesät. Im wahrsten Sinne des Wortes hatte die Schlange mit ihren Worten die Anweisung Gottes in Frage gestellt. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt: Adam und Eva sind plötzlich ganz Ohr für die Fake News und alternativen Fakten, die die Schlange ihnen dann vorsetzt. Und plötzlich ist die verbotene Frucht in beider Munde, das Verhältnis zu Gott hat einen Riss bekommen und kurze Zeit später ist nichts mehr, wie es gewesen war, das Paradies perdu.

Die Frage, auf wen wir hören, wem wir mehr vertrauen, steht ja auch ziemlich aktuell im Raum. Vertrauen wir den Warnungen der Experten und hören auf die Mahnungen der Politiker, oder glauben wir lieber den unzähligen Fake News und alternativen Fakten aus den sozialen Medien, die sich in Windeseile über WhatsApp, Instagram & Co. fortpflanzen?

Und viel wesentlicher noch: auf wen hören wir, wem vertrauen wir, wenn es um das Leben an sich geht? Denen, die Gottes Ideen vom Leben immer nur in Frage stellen oder dem, der unser Leben und die ganze Schöpfung genial erdacht hat? Weil ich Gott vertraue, höre ich auf sein Wort. Weil ich an Jesus glaube, nehme ich seine Botschaft ernst. „Hat Gott wirklich gesagt…“, flüsterte die Schlange fies in Evas Ohr. Dauernd wird das, was Gott gesagt hat, heute in Frage gestellt. Und dauernd werden diese Fragen nachgeplappert, als wären Fragen schon Wahrheiten. Es ist deshalb gut, diese Fragen zu überprüfen. Was Gott gesagt und was nicht, bekommen wir am besten heraus, wenn wir die zweifelhaften Informationen der sozialen und sonstigen Medien einmal beiseite lassen und uns ein wenig Zeit für die Original-Infos nehmen: die Bibel. Sie wird nicht alle Fragen über Gott und die Welt befriedigend beantworten, aber alle, die nötig sind. In einer Welt, in der wir uns in punkto Wahrheit auf fast nichts mehr verlassen können, brauchen wir wirklich dringend diese im besten Sinne des Wortes alternativen Fakten. Wenn Sie das nicht längst schon einmal getan haben, fangen Sie ruhig ganz vorne in der Bibel an. Gleich im dritten Kapitel stoßen Sie dann nicht nur auf die allererste Frage der Bibel, sondern nur wenige Verse später auch auf die erste Frage, die Gott den Menschen stellt. Darum geht’s morgen.

SONNTAGSIMPULS MATTHÄUS, 21. März 2021

Selbsterkenntnis macht barmherzig

In der vergangenen Woche und an den Sonntagen davor stand das biblische Motto 2021, die Jahreslosung, im Fokus. Und die Texte davor und danach. Die Jahreslosung steht in Lukas 6,36 und lautet: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Unter verschiedensten Aspekten haben wir diesen Vers von seinem biblischen Umfeld heraus in den Blick genommen. Zum Abschluss geht es um zwei Bibelverse, die sehr bildhaft und sehr bekannt sind. So bekannt, dass sie schon fast sprichwörtlich verwendet werden. Und wie so häufig wissen längst nicht alle, die diese Redewendungen benutzen, dass sie ursprünglich auf Jesus zurückgehen. In Lukas 6,41+42 sagt Jesus nämlich: „Du siehst den Splitter im Auge deines Bruders oder deiner Schwester. Bemerkst du nicht den Balken in deinem eigenen Auge? Wie kannst du zu deinem Bruder oder deiner Schwester sagen: Komm her! Ich zieh dir den Splitter aus deinem Auge. Siehst du nicht den Balken in deinem eigenen Auge? Du Scheinheiliger! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge! Dann hast du den Blick frei, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders oder deiner Schwester zu ziehen.“

Mir fallen sofort zwei oder drei Menschen ein, die sich diesen Text einmal dringend zu Herzen nehmen sollten. Es ist wirklich unmöglich, wie die sich dauernd über Kleinigkeiten bei anderen aufregen und dabei gleichzeitig völlig blind für ihre eigenen Fehler sind. Und wenn es sich dabei auch noch um Christen handelt, regt mich das doppelt auf. Vielleicht müsste ich in einer der nächsten Predigten dieses Thema noch einmal so deutlich aufgreifen, dass auch diese zwei bis drei Leute endlich mal aufwachen! Natürlich ohne Namen zu nennen, aber doch so, dass sie genau wissen, dass …

Da ist es also schon passiert: ich tappe genau in die Falle, vor der Jesus ausdrücklich warnt. Scheinheiligkeit ist etwas, das man Christen nur zu gerne vorwirft. Meist, um sich besser von Kirche und Glauben distanzieren zu können. Umso schlimmer, wenn dieser Vorwurf uns als Christen tatsächlich trifft. Ich zumindest kann mich davon nicht völlig frei sprechen. Es ist ja so praktisch, wenn wir vom Balken in unserem eigenen Auge ablenken können, indem wir auf die Splitter der anderen zeigen. Wir fühlen uns umso besser, je mehr wir dort finden. Sollen wir uns also jeder berechtigten Kritik enthalten?

Nein. Jesus tut das schließlich auch nicht. Wobei er der Einzige ist, der völlig berechtigt von sich weg auf andere zeigen könnte. Aber wir sollen vor Gott und uns selbst ehrlich sein: worum geht es uns denn, wenn wir andere auf ihre Fehler aufmerksam machen? Darum, dass wir sie fördern, ermutigen, liebevoll korrigieren möchten? Meist nicht. Meist geht es entweder darum, dass wir unserem Ärger irgendwie Luft machen oder eben von uns selbst ablenken wollen. Es geht uns also vor allem um uns, nicht um den anderen, dem wir mit unserer Kritik angeblich doch nur helfen möchten. Deshalb fordert Jesus uns auf, mit Kritik bei uns selbst anzufangen. Natürlich besteht dann die Gefahr, dass das bei manchen in Selbstverachtung endet. Besonders dann, wenn man sich ohnehin schon selbst wenig mag. Deshalb muss dieser Blick auf den Balken im eigenen Auge eingebettet sein in eine doppelte Gewissheit, die wir durch Jesus haben: dass wir ganz und gar von Gott geliebt sind, mit allen Fehlern und Macken, und dass wir wissen: wir müssen mit diesen Fehlern und Macken nicht selbst fertig werden, weil Jesus längst am Kreuz damit fertig geworden ist.

Wer das weiß, kann mutig in den Spiegel gucken. Aber dieser Blick wird uns barmherzig machen. Uns selbst gegenüber, vor allem aber anderen gegenüber. Selbsterkenntnis öffnet uns erst wirklich die Augen füreinander, sagt Jesus. Was wir dann anderen kritisch sagen, sagen wir nicht mehr vom hohen Ross herunter, sondern demütig, weitherzig, verständnisvoll und liebevoll. Und möglicherweise habe ich dann auch gar nicht mehr das Bedürfnis, mich wegen eines kleinen Splitters aufzuregen, den ich irgendwo entdecke, denn Selbsterkenntnis macht barmherzig. Ich hoffe nur, dass mir das bei der nächsten Kleinigkeit rechtzeitig wieder ein

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 20. März 2021

Eine Frage der Liebe – heute: Gottes DNA

Die Wirkweise der Impfstoffe von Moderna und BioNTech sind ähnlich: sie immunisieren durch mRNA. Klingt so ähnlich wie DNA. Was Verschwörungstheoretiker zu der Behauptung veranlasst hat, diese beiden Impfstoffe würden unsere Gene verändern. Das ist natürlich völliger Unsinn. So einfach lässt sich unsere Genstruktur nicht umbauen.

Wir verwandeln unsere Gene übrigens auch nicht durch ein verändertes Verhalten. Das merken wir manchmal schmerzhaft. Da bemüht man sich nach Kräften, auch in schwierigen Situation ruhig und besonnen zu bleiben. Lange Zeit schafft man das und denkt, man habe sein Wesen doch tatsächlich geändert. Aber dann platzt einem durch eine Kleinigkeit der Kragen und der längst überwunden geglaubte alte Jähzorn zeigt sich, mit dem man schon als Kind unangenehm aufgefallen war. Und wir merken: unseren sogenannten „alten Adam“ können wir nicht abschütteln. Unsere Erbanlagen werden wir nicht los.

Umso erstaunlicher ist es, dass Jesus etwas Gegenteiliges sagt. Und zwar ausgerechnet im Zusammenhang mit der Feindesliebe. Gestern hörten wir, dass es nur selbstverständlich ist, wenn wir denjenigen liebevoll begegnen, die auch uns entsprechend freundlich behandeln. Das sei, sagt Jesus, wirklich kein Grund, stolz auf uns zu sein. So würden sich schließlich auch die hartgesottensten Verbrecher untereinander behandeln. Und dann fügt er in Lukas 6,35 folgendes an: „Nein, eure Feinde sollt ihr lieben! Tut Gutes und leiht, ohne etwas zurückzuerwarten! Dann bekommt ihr reichen Lohn: Ihr werdet zu Kindern des Höchsten. Denn auch er ist gut zu den undankbaren und schlechten Menschen.“

Die letzten beiden Sätze sind besonders beeindruckend: durch Feindesliebe und durch Gutes-Tun ohne Erwartung einer Gegenleistung werden wir zu Kindern Gottes. Oder um es moderner auszudrücken: wir bekommen Gottes DNA. Das zeigt sich daran, dass wir uns so verhalten, wie auch Gott das tut: „Denn auch er ist gut zu den undankbaren und schlechten Menschen.“ Das ist doch kein natürliches Verhalten! Das entspricht ganz und gar nicht unserer eigentlichen Natur! Aber es entspricht Gottes Natur. Am Leben und am Leiden von Jesus können wir das bestens ablesen.

Scheinbar macht uns das, was Jesus uns zumutet, zu Verlierern auf der ganzen Linie: die andere Wange hinhalten, auf das eigene Recht verzichten, Böses mit Gutem beantworten usw. usw. Beim ganzen Bibelabschnitt, über den wir in dieser Woche miteinander nachgedacht haben, würden viele am liebsten sagen: Jesus, das klingt alles wunderbar, aber es ist völlig weltfremd. So tickt die Welt einfach nicht. – Mag sein. Aber so tickt das Herz Gottes. Er schreibt diese Welt nicht ab, die nicht nach ihm fragt und seine Gebote mit Füßen tritt. Er schickt seinen Sohn mitten hinein in die Bosheit der Menschen. Und dann hängt er am Kreuz. Scheinbar der große Verlierer. Aber am Ende steht Ostern: Auferstehung, Neuanfang, Sieg über Tod und Sünde. Wer beginnt, so zu lieben wie Gott liebt, wird am Ende auch Gewinner sein. Gottes Kind. Er trägt die DNA der Liebe Gottes in seinem Herzen, die einzige Kraft, die Menschen wirklich verändern kann. Das ist keine Verschwörungstheorie von ein paar verrückten religiösen Spinnern, das ist erlebbare Wirklichkeit und ein Versprechen von Jesus selbst. Verlassen Sie sich darauf!

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 19. März 2021

Eine Frage der Liebe – heute: Selbstverständlich

Früher sagte man: „Eine Hand wäscht die andere“, heute heißt es Neudeutsch nur noch kurz: „Winwin“. Eine Winwin-Situation zeichnet sich dadurch aus, dass zwar beide Seiten geben, aber auch beide dadurch gewinnen. In der Wirtschaft spielen heute ethisch-moralische Fragen scheinbar eine größere Rolle als früher. Die meisten großen Konzerne haben für ihre Mitarbeitenden wohlklingende Firmenziele formuliert und einen Verhaltenskodex aufgestellt, wie man diese Ziele auf menschen- und umweltfreundliche Art erreichen kann. In entsprechenden Seminaren lässt man die Angestellten in ethischem Verhalten schulen, richtet Arbeitsplätze ergonomisch, biorhythmisch und interaktiv ein, und bietet über Bonus-Zahlungen den Arbeitnehmern eine Erfolgsbeteiligung. Aus reiner Menschenfreundlichkeit? Natürlich nicht! Aber man hat begriffen, dass Menschen sich auf diese Weise eher mit ihrer Firma identifizieren, deutlich effektiver und zufriedener arbeiten und dadurch auch weniger Krankheitstage anfallen. Gut für die Angestellten, aber ebenso gut für die Firmenbilanz. Winwin eben. Daher müssen die Arbeitnehmer ihren Arbeitgebern dafür auch keineswegs auf Knien danken.

Manchmal wird ein menschenfreundliches Verhalten aber genauso nach außen dargestellt. Das eigentlich Selbstverständliche, von dem man eben auch selbst profitiert, präsentiert man als besondere Liebes-Leistung. Es ist sicher oft nicht einfach, wenn Menschen sich beispielsweise um in Not geratene Freunde oder um ihre pflegebedürftigen Eltern kümmern. Aber sind sie deswegen schon Helden der Liebe? Jesus sieht das in Lukas 6,32-34 folgendermaßen: „Warum erwartet ihr von Gott eine Belohnung, wenn ihr nur die liebt, die euch auch lieben? Das tun sogar die Menschen, die nicht nach dem Willen Gottes fragen. Warum erwartet ihr von Gott eine Belohnung, wenn ihr nur die gut behandelt, die euch auch gut behandeln? Das tun auch die hartgesottensten Sünder. Warum erwartet ihr von Gott eine Belohnung, wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr wisst, dass sie es euch zurückgeben werden? Ausleihen, um es auf Heller und Pfennig zurückzubekommen, das tun auch die Sünder gegenüber ihresgleichen!“

Jesus macht klar: so ein Verhalten ist doch eigentlich nur selbstverständlich! Es ist keine besondere Liebes-Leistung. Es ist eine Winwin-Situation. Unter Freunden hilf man sich – gegenseitig. Um die Eltern kümmert man sich, so wie sie sich früher um ihre Kinder gekümmert und dafür auch keinen besonderen Applaus erwartet haben. Natürlich weiß ich, dass das manchmal nicht so leicht umzusetzen ist, wie es sich gerade anhört. Und natürlich ist es ein Handeln aus Liebe. Aber, sagt Jesus: Ist diese Art Liebe nicht selbstverständlich? Eine Liebe auf Gegenseitigkeit? Was das besondere Wesen der Liebe ausmacht, mit der Gott uns begegnet und mit der Christen diese Welt nachhaltig verändern und prägen sollen, das macht Jesus im letzten Vers des Bibelabschnittes deutlich, den wir uns in dieser Woche etwas näher ansehen. Liebe, die mehr ist als bloß eine Winwin-Angelegenheit. Liebe, bei der wir nicht auf eigenen Gewinn aus sind, und am Ende trotzdem als große Gewinner dastehen. Darum geht es morgen. Und heute lasst uns die Menschen, die uns freundlich begegnen, einfach lieben, ganz selbstverständlich. Auch wenn uns dafür niemand anerkennend auf die Schulter klopft.

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 18. März 2021

Eine Frage der Liebe – heute: Goldene Regel

Es gibt sie in quasi jeder Weltreligion in irgendeiner Form: die sogenannte „Goldene Regel“. Vor knapp 250 Jahren hat der deutsche Philosoph Immanuel Kant sie so auf den Punkt gebracht: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Etwas kürzer und verständlicher sagt es der deutsche Volksmund: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“

Auffällig ist, dass es in den allermeisten Formulierungen einer Goldenen Regel denselben Ausgangspunkt gibt: uns selbst. Das liegt irgendwie in unserer Natur. Wir nehmen gerne uns selbst als Maßstab für das, was wir von anderen erwarten. Das gibt es, grob eingeteilt, in drei Ausprägungen: da sind einerseits Menschen, die an andere weniger hohe Ansprüche haben als an sich selbst und deshalb mit ihnen zuweilen gnädiger sind, als es gut wäre; dann gibt es diejenigen, die von anderen genau das Gleiche erwarten wie von sich selbst und dabei häufig andere überfordern; und schließlich die Leute, die von anderen mehr erwarten als von sich selbst und dadurch ungerecht oder scheinheilig handeln. Drei Einstellungen also, die zu Problemen führen.

Scheinbar klingt die Goldene Regel, wie sie Jesus in Lukas 6,31 formuliert, gar nicht anders. Aber Jesus hat genial eine Kleinigkeit geändert: Ausgangspunkt sind nicht wir selbst, sondern die anderen: „Wie ihr wollt, dass euch die Menschen behandeln sollen, so behandelt sie auch!“ Das hat zwei entscheidende Vorteile: wir nehmen nicht unser eigenes Handeln als Maßstab für das Handeln anderer, und Maßstab ist nicht das tatsächliche Handeln unserer Mitmenschen, sondern das von uns eigentlich gewünschte Handeln. Das schließt beispielsweise ein „wie du mir, so ich dir“ aus. Natürlich gibt es ein paar Zeitgenossen, die völlig anspruchslos anderen gegenüber sind. Sie erwarten nichts von ihnen, also sollen die anderen gefälligst auch nichts erwarten. Mit Liebe hat das allerdings gar nichts mehr zu tun. Und um Liebe zum Nächsten, ja sogar zum Feind geht es ja in diesem Abschnitt des Lukasevangeliums.

Was wünsche ich mir eigentlich von anderen mir gegenüber? Zum Beispiel Respekt. „Also“, sagt Jesus, „begegne deinen Mitmenschen mit demselben Respekt!“ Oder ich wünsche mir, dass man meine Worte richtig hört, so wie ich sie gemeint habe. Ich ärgere mich ja oft genug darüber, wie das, was ich gesagt habe, nicht auf die positivste, sondern negativste Art interpretiert wird. Und wie nur ganz selten jemand bei Unklarheiten nachfragt, wie ich das eigentlich gemeint habe. Besonders in ohnehin spannungsreichen Beziehungen ist das fast Alltag. „Aha“, würde Jesus jetzt vielleicht zu mir sagen, „so ein Verhalten kenne ich auch von dir! Sei das nächste Mal also fair und liebevoll im Hören.“ Na ja, und im Reden sowieso. Hinter dem Rücken über andere reden, meist eher negativ; das empört mich, wenn es mein Rücken ist! Also sollte ich das nächste Mal wohl mehr Enthaltsamkeit üben, wenn wieder einmal über andere geklatscht, getratscht, gemutmaßt wird.

„Wie ihr wollt, dass euch die Menschen behandeln sollen, so behandelt sie auch!“ Das ist ein guter Verhaltenskodex, äußerst alltagstauglich, aber auch recht anspruchsvoll. Wie gesagt: eine Goldene Regel in ähnlichen Formulierungen gibt es nicht nur von Jesus. Sie wird häufig auch als „Welt-Ethos“ bezeichnet, weil sich nahezu alle Religionen darin einig sind. Und damit könnte der Abschnitt über die Feindesliebe auch wunderbar abgeschlossen sein. Aber dann macht Jesus klar, dass diese Goldene Regel nur selbstverständlich ist und nicht reicht. Darüber morgen mehr.

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 17. März 2021

Eine Frage der Liebe – heute: Ärmer

Schon gestern ging es im Tagesimpuls um die ganz praktische Seite der Feindesliebe. Dass es noch praktischer geht, zeigen die nächsten Verse in Lukas 6. Denn hier führt Jesus ein paar sehr unbequeme Beispiele für praktizierte Feindesliebe an. Hören wir direkt hinein in die Verse 29 und 30: „Wenn dich jemand auf die Backe schlägt, dann halte ihm auch die andere Backe hin. Wenn dir jemand den Mantel wegnimmt, dann gib ihm noch das Hemd dazu. Wenn jemand dich um etwas bittet, dann gib es ihm; und wenn jemand dir etwas wegnimmt, dann fordere es nicht zurück.“

Jugendlich haben ein Wort für Menschen, die so handeln: „Du Opfer!“ Sind Christen zur Opferrolle bestimmt? Dürfen wir als Christen uns nicht gegen Unrecht wehren, sondern müssen es einfach hinnehmen, ja sogar fast masochistisch noch um Zuschlag bitten, im wahrsten Sinne des Wortes? Das kann Jesus doch unmöglich wirklich so gemeint haben, oder? Kurz und gut: macht die Liebe, zu der Jesus uns auffordert, uns zwangsläufig ärmer?

Es gibt zwei mögliche Wege, diese Worte von Jesus zu leben, die beide gleich falsch sind. Der eine Weg klingelt manchen Christen von früher her noch unangenehm in den Ohren: Christen sollten den „unteren Weg“ gehen. Ein Satz, den man besonders Frauen gerne unterjubelte. Was kommt dabei heraus? Christen, die nach und nach jedes gesunde Selbstbewusstsein verlieren oder ihre Umwelt ihrer permanenten säuerlichen Miene quälen, die dieses Verhalten bei ihnen provoziert. Der andere Weg ist auch nicht besser: Christen, die ihre scheinbare Demutshaltung so zur Schau stellen, dass sie schon allein dadurch irgendwie immer im Recht sind.

Ich glaube, dass das, was Jesus uns da zumutet, nur dann Sinn macht, wenn es aus einer Haltung echter innerer Stärke heraus geschieht, also gerade ganz selbstbewusst. Dietrich Bonhoeffer saß schon einige Zeit in seiner Gefängniszelle in Berlin-Tegel, als er sich Gedanken darüber machte, wer er eigentlich sei. Niedergeschrieben hat er das 1944 in einem sehr bekannt gewordenen Gedicht, in dem es unter anderem heißt: „Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest, wie ein Gutsherr aus seinem Schloss. Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich spräche mit meinen Bewachern frei und freundlich und klar, als hätte ich zu gebieten. Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist.“ Auch wenn Bonhoeffer sich anschließend fragt, ob die Außenwahrnehmung wirklich mit seiner Selbstwahrnehmung übereinstimmt: deutlich wird, wie er scheinbar das Opfer der Nazidiktatur ist – und doch Siegermentalität ausstrahlt. Christen sind durch Jesus stark genug, um schwach sein zu können. Sie sind durch Jesus selbstbewusst genug, um nachgeben zu können. Sie sind durch Jesus reich genug, um verzichten zu können. Macht Feindesliebe ärmer? Dem äußeren Anschein nach mag das manchmal so sein. Aber meine Erfahrung mit Liebe ist wahrscheinlich dieselbe wie Ihre: Liebe macht reicher, nicht ärmer! Warum sollte das für diese so unbequeme Art der Liebe, zu der Jesus uns auffordert, denn nicht gelten?

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 16. März 2021

Eine Frage der Liebe – heute: Ganz praktisch

„Ist diese Liebe nicht eine Zumutung?“ So lautete gestern die Frage zu einer der steilsten Aufforderungen, die wir von Jesus kennen: „Liebt eure Feinde!“ Es ist fast so, als hätte Jesus geahnt, dass wir daraufhin sofort unser inneres Veto einlegen: das geht doch gar nicht, das ist übermenschlich! Denn diesem ganz besonderen „Liebes-Gesetz“ fügt er sofort drei ganz praktische „Ausführungsbestimmungen“ an. Zumindest verstehe ich die drei Sätze so, die dem Gebot der Feindesliebe folgen.

Manchmal halten wir uns Ansprüche dadurch vom Leib, dass wir theoretische Ideale daraus machen. Das hat einen doppelten Vorteil: erstens erreicht man Ideale ohnehin nie und zweitens sind sie dadurch dermaßen schön theoretisch, dass wir die Umsetzung in die Praxis oft gar nicht erst in Angriff nehmen. Jesus hat dieser Gefahr einen dreifachen Riegel vorgeschoben, indem er sein anspruchsvolles Gebot für uns sofort umsetzbar macht. Deshalb geht es heute um die Frage: „Wie geht Feindesliebe eigentlich ganz praktisch?“

Jesus antwortet: „Tut denen Gutes, die euch hassen! Segnet die, die euch verfluchen! Betet für die, die euch bedrohen!“ (Lukas 6,27+28). Das ist genau das Gegenteil von dem, was wir eigentlich tun würden. Vielleicht kennen Sie das auch: im Laufe des Tages hat jemand uns übel mitgespielt, indem er uns verbal in den Rücken gefallen ist, uns das Wort im Mund verdreht hat, uns angelogen hat, schlecht über uns geredet hat oder uns in irgendeiner anderen Weise übel mitgespielt hat. Wir konnten oder wollten in dem Moment nicht kontern oder fühlten uns zu sehr in die Ecke gedrängt. Und dann liegen wir abends im Bett und beginnen zu grübeln: wie hätten wir eigentlich reagieren müssen, was hätten wir erwidern können, warum haben wir uns das bloß so gefallen lassen? Dazu gesellen sich dann manchmal Rache-Phantasien. Keine voller Brutalität, aber welche, die dem anderen trotzdem wenigstens in seinem Stolz, seiner Arroganz und seiner Selbstsicherheit empfindlich verletzen würden. In so eine Nacht-Rache-Stimmung hinein sagt Jesus uns: „Tut denen Gutes, die euch hassen! Segnet die, die euch verfluchen! Betet für die, die euch bedrohen!“ In einer solchen Situation und Stimmung wollen wir so etwas nicht hören. Aber Jesus weiß, dass nur das zu einer positiven Änderung führen wird. Denn Hass wird nie durch Hass, sondern nur durch Liebe überwunden. Minus mal Minus führt nur in der Mathematik zu einem positives Ergebnis, im echten Leben führt es nur zu dem, was wir überall in der Welt beobachten können: Bitterkeit, Unversöhnlichkeit, Gewalt, Krieg.

Jesus ermutigt uns, der Macht der Liebe mehr zu vertrauen. Also: Wie wäre es, die ewig nörgelnde Nachbarin nicht länger zu ignorieren, sondern ihr einmal Blumen zu schenken? Auch wenn es schwer fällt: warum nicht dem Menschen einmal wirklich alles Gute von Gott wünschen, ihn also segnen, der uns seinerseits die Pest an den Hals wünscht? Oder zaghaft anfangen, hinter ihrem Rücken für die zu beten, die uns das Leben wirklich schwer machen, statt hinter ihrem Rücken über sie zu schimpfen? Ändert das diese Menschen? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ändert es überhaupt etwas? Auf jeden Fall. Weil Gutes tun, Segnen und Beten nie ohne Folgen bleibt. Vor allem nicht in unserem eigenen Herzen. Jesus selbst hat das so vorgelebt. Noch am Kreuz bittet er Gott für die um Vergebung, die ihn dorthin gebracht und daran festgenagelt haben: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas 23,34).

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 15. März 2021

Eine Frage der Liebe – heute: Zumutung

Es sind nur neun Verse im sechsten Kapitel des Lukas-Evangeliums. Neun Verse rund um Fragen der Liebe. Aber diese Verse gehören zu den im wahrsten Sinne Anspruch-vollsten dieses neutestamentlichen Buches. In den Tagesimpulsen dieser Woche werden wir den Impulsen nachgehen, die die Verse 27 bis 35 aus Lukas 6 geben. Gleich der erste Vers davon muss eigentlich die Frage aufwerfen: „Ist diese Liebe nicht eine Zumutung?“

Es zeichnet das Christentum aus, dass nicht Stärke und Überlegenheit, nicht religiöse Erkenntnis und fromme Ergebenheit, sondern Liebe ihr hervorstechendstes Erkennungsmerkmal sein soll. Jesus hatte seinen Jüngern einmal gesagt, dass sie von ihm nur ein einziges neues Gebot bekommen würden, nämlich das der Liebe: „Daran wir jeder erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“, heißt es in Johannes 13,35.

Wer in einer christlichen Gemeinde zuhause ist, weiß, dass genau das bis heute einerseits die größte Stärke der Gemeinschaft von Christen ist, aber auch die größte Schwäche. Denn dieses Gebot von Jesus zu leben, ist weder selbstverständlich noch einfach.

Was Jesus aber in der sogenannten Feldrede im Lukasevangelium (und ähnlich in der Bergpredigt des Matthäusevangeliums) sagt, stellt dieses gewissermaßen „interne“ Liebesgebot für seine Jünger noch weit in den Schatten. Es geht nicht nur über die Liebe untereinander hinaus, sondern auch über die Liebesfähigkeit eines Menschen überhaupt. Von der Reaktion der Jünger darauf wird nichts berichtet, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sie zumindest in ihren Herzen dachten: „Das geht nun aber wirklich zu weit, Jesus. Das ist eine Zumutung!“

Und ich würde fast wetten, dass es Ihnen heute ganz ähnlich geht, wenn sie diesen Satz von Jesus hören, wie er in Lukas 6,27 überliefert ist: „Ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen!“ – „Das kann ich nicht“, werden die einen sagen. „Das will ich nicht“, die anderen. „Das kann und will ich nicht“, sagen wahrscheinlich diejenigen, die selbst schon bittere Erfahrungen mit Menschen gemacht haben, die sie zutiefst verletzt haben. Nur zu verständlich! Und trotzdem fordert Jesus seine Jünger genau dazu auf. Unglaublich!

Vielleicht wird das, was Jesus sagt, etwas nachvollziehbarer, wenn man das Wort „lieben“ ein wenig vom Zuckerguss befreit, den es im Laufe der Zeit bekommen hat. Selbst in der romantischsten Liebes-Ehe ist Liebe ja viel, viel mehr als ein kribbelndes Gefühl im Bauch. Es ist vor allem eine bewusste Entscheidung füreinander, die man mit dem Ja-Wort bekräftigt – und dann im besten Fall auch lebenslang durchhält, „in guten wie in schlechten Zeiten“. Wenn Jesus also sagt, dass wir unsere Feinde lieben sollen, fordert er uns zu einer bewussten Entscheidung nicht gegen, sondern für den anderen auf. Feindesliebe durchbricht den natürlichen Kreislauf des Bösen, des „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Dass es um eine bewusste Pro-Entscheidung geht, macht ja auch der zweite Teil des Satzes sehr pragmatisch deutlich: „Tut denen Gutes, die euch hassen!“ Paulus nimmt das später im Römerbrief auf (Römer 12,21): „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!“ Das ist wahrlich Herausforderung genug für diesen Tag und wahrscheinlich sogar diese ganze Woche. Trotzdem: morgen gibt es die Fortsetzung mit der Frage: „Wie geht Feindesliebe eigentlich ganz praktisch?“

SONNTAGSIMPULS MATTHÄUS, 14. März 2021

Wer hat hier das Sagen?

Er sieht noch ziemlich jung aus, eigentlich zu jung. Aber er steht gerade als einziger hinter der Umtauschkasse. Also muss der Kunde mit ihm Vorlieb nehmen. „Was wünschen Sie bitte?“ – „Ich möchte diesen Pullover umtauschen.“ – „Warum denn?“ – „Er passt mir nicht!“ – „Haben Sie sich denn schon einen passenden Ersatz ausgesucht?“ – „Nein, ich möchte diesen hier einfach zurückgeben.“ – „So einfach geht das nicht“, sagt mit wichtiger Miene der junge Mann hinter der Kasse, „ich kann Ihnen allenfalls einen Gutschein dafür geben, den Sie beim nächsten Einkauf einlösen können“. – „Aber ich habe hier schon mehrfach etwas zurückgegeben und dafür immer ohne Weiteres den Kaufpreis ersetzt bekommen“, beharrt der Kunde. – „Das kann eigentlich nicht sein“, entgegnet der Kassen-Jüngling, „ich muss das schließlich wissen!“ So geht das Gespräch noch eine Zeitlang hin und her, bis dem Kunden der Kragen platzt: „Sie scheinen ja genauso wenig Ahnung zu haben wie ich. Wer hat hier eigentlich das Sagen?“ – Kleinlaut holt der junge Azubi seinen Abteilungsleiter, der sofort alles routiniert, schnell und kulant regelt.

Es nervt einfach, wenn man Menschen ein wenig Verantwortung überträgt und sie anderen dann mit Besserwisserei und Chefgebaren begegnen. Und manchmal ist es einfach nur peinlich, wenn sie sich dabei selbst völlig überschätzen. Es ist gut, wenn man seine Gaben, aber auch seine Grenzen, seine Aufgaben, aber auch seine Kompetenz-Grenzen kennt.

Jesus sagt in Lukas 6,39+40 folgendes zu diesem Thema: „Kann ein Blinder einen anderen Blinden führen? Werden sie so nicht beide in die Grube fallen? Ein Jünger steht nicht über seinem Meister. Bestenfalls kann er genauso gut werden wie sein Meister.“

Ein paar Kapitel später erzählt Lukas, wie Jesus seinen Jüngern zum zweiten Mal sein bevorstehendes Leiden ankündigt. Und wie diese Jünger gleich anschließend nichts Besseres zu tun haben, als untereinander zu verhandeln, wer von ihnen der Größte und Bedeutendste sei. Sogar in der gewissermaßen allerersten Gemeinde um Jesus herum spielt die Frage eine Rolle, wer das Sagen hat. Wie in Wirtschaft, Politik und – Kindergarten! Ja, schon die Kinder spielen diese Machtspielchen auf ihre Weise. Kein Wunder, dass uns so etwas eigentlich kindisch vorkommt.

Jesus macht einen Vorschlag: Wenn zwei Ahnungslose aufeinander treffen, wäre es dann nicht das Beste, auf jemanden zu hören, der wirklich Ahnung hat? Und würde das nicht alles Gerangel um die besten Positionen in der Hackordnung überflüssig machen? Heute spricht man gerne von „flachen Hierarchien“ und „Begegnungen auf Augenhöhe“. Das funktioniert aber fast immer nur dann, wenn trotzdem einer das Sagen hat, an dem sich alle anderen orientieren. „Ein Jünger steht nicht über seinem Meister“, sagt Jesus. Ganz grundsätzlich fällt es ja vielen Menschen schwer, Jesus das Sagen über ihr Leben zu lassen. Man möchte viel lieber selbst Chef im Ring sein, in seinem eigenen Leben und auch ganz allgemein. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass man zum Beispiel eine starke Persönlichkeit wird, wenn man Jesus als Taktgeber seines Lebens anerkennt. Denn das führt nicht zu einer Untertanen-Mentalität, sondern zu einer wirklich selbstbewussten Haltung auf einem soliden Fundament. Ich glaube auch, dass Beziehungen in Familien deutlich entspannter und wirklich gleichberechtigt gestaltet werden können, wenn beispielsweise Ehepartner beide Jesus als „Chef“ ihrer Ehe anerkennen. Und man kann an vielen Stellen in Politik, Wirtschaft und Medien beobachten, dass es einen bedeutenden Unterschied macht, ob Verantwortliche sich selbst als höchste Instanz sehen oder ihre Arbeit in Verantwortung vor Jesus Christus gestalten. Wo Jesus das Sagen haben darf, führen nicht mehr Blinde andere Blinde ins Verderben, sondern Menschen können in echter Demut Leitfiguren ins Leben für andere werden. Unsere Familien und unsere Gesellschaft braucht dringend mehr davon!

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 13. März 2021

Fragen von Jesus – heute: Persönlich

In Artikel 5, Satz 1 unseres Grundgesetzes kann man lesen: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten“. Meinungsfreiheit nennt man das. Ein hohes Gut, das es zwar auf dem Papier in vielen Staaten gibt, das aber deswegen längst nicht auch überall gepflegt wird. Fast 45 Jahre lang durfte man im Osten Deutschlands zwar durchaus eine eigene Meinung haben, musste sich aber meist hüten, sie laut zu äußern. Umso erstaunlicher ist es, dass gar nicht so wenige Menschen in unserem Land ganz freiwillig darauf verzichten, eine eigene Meinung zu haben. In Modefragen richtet man sich entweder nach der Mehrheit oder nach aktuellen Trends. Politische Überzeugungen werden mittlerweile erschreckend oft unkritisch aus den sozialen Medien übernommen. Überhaupt fällt auf, dass es viele Zeitgenossen gibt, die an ein Chamäleon erinnern: sie wechseln ihre Meinungen abhängig von der Umgebung, in der sie sich gerade bewegen. Aber eine echte eigene Meinung haben sie nicht. Ganz besonders in Glaubensfragen fällt mir das auf. Religion ist ein Gebiet, in dem besonders häufig einfach nachgeplappert wird, was andere denken oder sagen. Man gibt sich gerne tolerant. Aber vielleicht gilt für diese Art Toleranz der Spruch, den ich im Internet gefunden habe: „Manche sind nur tolerant, weil sie zu bequem sind, eine eigene Meinung zu haben“.

Das ist kein neues Phänomen. Jesus wollte einmal von seinen Jüngern wissen, für wen ihn die Leute halten. Die Antwort: Einige meinen, du seist Johannes der Täufer (der war mittlerweile hingerichtet worden, so dass man Jesus für eine Art Wiedergeburt hielt); andere halten dich für Elia (also den Propheten, der nicht starb, sondern von Gott direkt in den Himmel aufgenommen wurde); und wieder andere glauben, du bist Jeremia oder ein anderer Prophet. – Was Jesus aber wirklich interessiert, ist nicht die Meinung der anderen. Das macht die Frage deutlich, um die es heute geht. Jesus fragt seine Jünger nämlich: „Wer bin ich denn eurer Meinung nach?“ (Matthäus 16,15). Denn genau darum geht es Jesus. Um unsere eigene Meinung. Es ist wirklich wertvoll, wenn unsere Oma eine ganz besonders fromme Frau war, aber das will Jesus gar nicht wissen. Auch Mehrheiten waren Jesus immer total egal. Was unsere Freunde oder unsere Familie von Jesus halten, ist ihm letztlich gleichgültig. Was Jesus aber brennend interessiert ist, was wir ganz persönlich von ihm halten. „Wer bin ich für dich?“ Um diese Frage geht es ihm. Es gibt Menschen, die sehr viel über Jesus gelesen haben. Andere sind in ihrer Jugend immer in den CVJM gegangen. Einige besuchen relativ regelmäßig Gottesdienste und sehen sich im Urlaub gerne Kirchen an. Christliches Wissen, Tradition oder Gewohnheiten ersetzen aber nicht das Wichtigste, worum es bei Jesus geht. Bei Jesus wird es immer persönlich. Christsein ist eine Frage der persönlichen Beziehung und keine Sachfrage. Deshalb interessiert Jesus vor allem meine und Ihre ganz persönliche Meinung und Haltung zu ihm. Könnten Sie spontan auf die Frage antworten, wer Jesus für Sie persönlich ist? Ohne sich dabei hinter der Meinung anderer zu verstecken? Falls nicht, erlauben Sie mir, die Frage, die Jesus vor etwa 2.000 Jahren seinen Jüngern stellte, heute an Sie weiterzureichen: „Wer bin ich denn eurer Meinung nach?“

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 12. März 2021

Fragen von Jesus – heute: Potential

Es ist zwar schon ein paar Jahre her, aber ich habe die Situation noch gut vor Augen, ich stand nämlich direkt dabei. Gerade hatte ich auf einer Veranstaltung für Pfarrerinnen und Pfarrer einen guten Freund begrüßt, da kam ein anderer Teilnehmer auf diesen zu, begrüßte ihn ebenfalls – und stellte ihm eine ebenso persönliche wie unverschämte und schamlose Frage, aus heiterem Himmel, völlig unerwartet. Mein Freund reagierte verhältnismäßig gelassen darauf. Er erzählte mir nach der Veranstaltung allerdings: wäre seine Hand nicht in der Hosentasche geballt gewesen, hätte sie auch leicht im Gesicht des Kollegen landen können.

Es gibt Fragen, die erwischen uns eiskalt und auf dem völlig falschen Fuß. So ging es auch einmal den Jüngern von Jesus. Es war eine Situation, die man wahrscheinlich schon so oft im Kindergarten, Kindergottesdienst, Religions- oder Konfirmandenunterricht gehört hat, dass es einem auch fast vorkommt, als sei man dabei gewesen. Jesus hat fast drei Tage lang weitab von bewohnten Orten unermüdlich von Gott erzählt und unzählige Kranke geheilt. Im Laufe dieser Zeit wird die Menschenmenge um ihn herum immer größer, denn immer mehr kommen dazu, aber niemand will gehen. Jesus fällt auf, dass die mittlerweile über 4.000 Menschen längst ihre mitgebrachten Vorräte verbraucht haben. Bevor er die Leute nach Hause schickt, ruft er seine Jünger zusammen und schlägt vor, die Leute nicht hungrig gehen zu lassen. Für die Jünger natürlich ein Ding der Unmöglichkeit: wie sollen sie in dieser Einöde so viele Menschen satt bekommen? Sie erwarten von Jesus Zustimmung und Verständnis für ihre Vorbehalte, nicht aber die Frage, die er ihnen dann stellt: „Wieviel Brote habt ihr?“ (Matthäus 15,34). Nach kurzem Bilanzziehen steht fest: sieben Brote und dazu noch ein paar Fische. Kurz und gut: viel zu wenig! Das reicht vorne und hinten nicht, um die Situation zu retten.

Ich kenne das und Sie wahrscheinlich auch: überall um uns herum gibt es große Herausforderungen – und immer wieder stoßen wir so schnell an unsere Grenzen. Unser Potential ist einfach nicht groß genug. Eltern zum Beispiel haben gar nicht so selten das Gefühl, dass sie eigentlich völlig überfordert damit sind, ihre Kinder liebesfähig und lebenstüchtig zu machen. Angesichts der humanitären Katastrophen weltweit erscheint uns das, was wir persönlich tun können, allenfalls wie der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Menschen schütten uns ihr Herz aus – und wir haben den Eindruck, dass nichts, was wir sagen und tun könnten, ihnen wirklich helfen würde. Wir könnten, sollten, müssten als christliche Gemeinden eigentlich noch viel mehr Liebe und Engagement zeigen, aber wo sollen wir da anfangen? Jesus fragt nach unserem Potential: Was hast du, was kannst du? Er fragt seine Jünger und uns nicht nach dem, was wir nicht haben und können! Weil er nur das braucht, was da ist, um Wunder zu tun. In diesem Fall das Wunder, mit sieben Broten und ein paar Fischen über 4.000 hungrige Menschen satt zu machen. Ich übernehme viel zu schnell die Haltung der Jünger. Sie sehen nur ihre Defizite und Unmöglichkeiten. Das führt direkt zu Frustration und Untätigkeit, egal wo. Jesus möchte uns die Augen für unsere Gaben und Möglichkeiten öffnen, lädt uns ein, sie ihm zur Verfügung zu stellen und für andere einzusetzen – und er macht mehr daraus, als wir zu denken wagen. Am Ende von Matthäus 15 kann man das nachlesen, und vielleicht sogar heute schon selbst erleben!

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 11. März 2021

Fragen von Jesus – heute: Einsatz

Erinnern Sie sich noch? Es ist gar nicht so lange her. Da standen Menschen an offenen Fenstern und auf Balkonen, um den „Corona-Helden“ zu applaudieren. Denen, die immer ganz selbstverständlich dafür sorgten, dass unser Alltag trotz Corona-Krise nicht im Chaos versank. Viele von ihnen waren allerdings schon vor Corona Alltags-Helden. Sie sorgen dafür, dass auch nachts und am Wochenende denen geholfen wird, die Hilfe brauchen: zum Beispiel das medizinische Personal, Feuerwehr und Polizei, Pflegekräfte, Bereitschaftsdienste, Angestellte im Personennah- und Fernverkehr usw. usw.

Stellen Sie sich einmal folgende Situation vor: Es ist Wochenende. Ein wunderschöner, sonniger Sonntag. Viele Menschen sind unterwegs in den Grünanlagen der Stadt. Familien picknicken auf saftigem Rasen, Kinder toben auf Spielplätzen und anderswo. Plötzlich ein markerschütternder Schrei eines Kindes. Dann noch einer, diesmal von der Mutter. Das Kind ist in einen Brunnenschacht gestürzt, dessen Betondeckel eigentlich geschlossen sein sollte. Nun liegt es dort unten, hilflos und regungslos. Jemand hat die Feuerwehr angerufen. Aber dort winkt man ab: „Kommt Zeit, kommt Rat“, sagt der Mann an der Leitung. „Morgen ab Acht sind wir wieder im Dienst, melden Sie sich dann noch mal, wenn das Kind immer noch im Brunnen liegt.“ Von der Polizei bekommt man eine ähnliche Auskunft. – Eine undenkbare Situation, oder?! Wie gut, dass diejenigen, die das Kind aus dem Brunnen retten können, in Wirklichkeit Tag und Nacht, alltags wie sonntags ansprechbar und hilfsbereit sind!

Als Jesus einmal einen Menschen am Sabbat, also dem jüdischen Sonntag, heilen soll, sind viele Anwesende der Meinung, das habe doch Zeit bis zum nächsten Tag, Jesus müsse doch nicht ausgerechnet am heiligen Sabbat heilen. Darauf stellt Jesus ihnen eine Frage, die sie kaum mit „Nein“ beantworten können: „Gibt es irgendjemanden unter euch, der sein einziges Schaf nicht packen und heraufziehen würde, wenn es in eine Grube gefallen ist, selbst wenn Sabbat ist?“ (Matthäus 12,11).

Und beim Beispiel von Jesus ging es damals nur um ein Schaf. Deshalb fuhr Jesus fort: „Ein Mensch ist doch viel mehr wert als ein Schaf!“ Für sein eigenes Kind würde man doch alles einsetzen, um es zu retten. Jede Sekunde wäre wertvoll und kein Einsatz zu groß. Liebe fragt in so einer Situation nicht nach dem richtigen Zeitpunkt, sondern handelt einfach, jetzt! Und genau das tut Jesus: natürlich heilt er den Kranken, den man zu ihm gebracht hat. Die Konsequenzen für sich selbst sind ihm völlig egal, wenn es um das Heil eines Menschen geht. Und die Konsequenzen waren weitreichend. In Matthäus 12 kann man weiterlesen, dass daraufhin die Pharisäer beratschlagten, Jesus umzubringen. Wenn es um das Heil von uns Menschen geht, ist Jesus jeder Einsatz recht, sogar der Einsatz seines Lebens. Aus Liebe zu uns. Das duldet keinen unnötigen Aufschub. Es tut Jesus Leid um jeden Tag, den ein Mensch ohne seine Hilfe leben muss. Allerdings sind es häufig die Menschen selbst, die sich nicht helfen lassen wollen und das Angebot von Jesus immer wieder aufschieben.

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 10. März 2021

Fragen von Jesus – heute: Feiern

Tja, mit dem Feiern ist das seit einem Jahr so eine Sache, vor allem eine ganz unsichere Sache. Die Konfirmation, die eigentlich im letzten Juni stattgefunden hätte, mussten wir auf Ende Mai 2021 verschieben. Und selbst mit diesem Termin ist noch jede Menge Unsicherheit bei den Konfi-Familien verbunden, wie genau man die Feier gestalten kann und wen man einladen darf. Noch bitterer ist es für Brautpaare. Alle Trauungen des letzten Jahres wurden um etwa ein Jahr verschoben, eine Trauung nun sogar noch einmal auf das Jahr 2022. Denn eins steht fest: einen Geburtstag und vielleicht sogar eine Konfirmation kann man notfalls „mit angezogener Handbremse“ feiern, eine Hochzeit aber nun wirklich nicht!

Der Meinung war Jesus übrigens auch. Sie erinnern sich vielleicht: einmal war Jesus als Gast bei einer dieser ausgelassenen, bis zu einer Woche dauernden Hochzeitsfeierlichkeiten, wie sie in Israel üblich waren. Plötzlich passierte der Hochzeits-Supergau: das Fest war noch in vollem Gang, aber der Wein war ausgegangen. Peinlich! Also sorgte Jesus mit dem ersten Wunder, das im Johannes-Evangelium berichtet wird, dafür, dass aus Wasser guter Wein wurde. Denn Hochzeit und gedrückte Stimmung passen einfach nicht zueinander.

Vielleicht hat Jesus an diese Situation gedacht, als er die Frage des heutigen Tages stellte. Zumindest benutzt er eine Hochzeitsfeier als Beispiel, als er auf eine Frage mit einer Gegenfrage antwortet. Vorangegangen ist ein festliches Zusammensein beim Zolleinnehmer Matthäus, dessen Leben und Herz Jesus gerade völlig umgekrempelt hat. Fröhlich sitzt Jesus also bei ihm am Tisch und genießt Essen und Trinken mit seinen Jüngern und einer ganzen Anzahl Menschen, über die die meisten eher die Nase rümpfen würden. Da treten einige zu ihnen und wollen wissen, warum der Rabbi Jesus seinen Jüngern nicht auch einen gewissen Verzicht abverlangt, so wie es zum Beispiel bei den Pharisäern üblich war: Fasten als geistliche Übung. Und Jesus fragt zurück: „Könnt ihr euch vorstellen, dass Hochzeitsgäste Trübsal blasen, wenn der Bräutigam doch mitten unter ihnen ist?“ Es werde allerdings eine Zeit kommen, fährt Jesus fort, wo der Bräutigam von den Jüngern getrennt sei; das sei dann auch die Zeit zum Fasten und Trauern. Damit spielt Jesus natürlich auf sein Leiden und Sterben an. Daher ist die siebenwöchige Passionszeit, in der wir uns gerade befinden, traditionell eine Fastenzeit. In welcher Zeit leben wir als Christen heute eigentlich? Nicht kirchenjahreszeitlich, sondern ganz grundsätzlich. Wenn man das Christentum in unserem Land halbwegs neutral von außen betrachten würde, käme man wahrscheinlich eher zu dem Ergebnis: Fasten-, Trauerzeit. Die Versammlungsorte sind häufig dunkel und altertümlich eingerichtet. Die gottesdienstlichen Feiern sind durchsetzt mit Liedern und Texten aus eigentlich längst vergangenen Zeiten. Christliche Ethik scheint mehr von Verzicht und Verboten geprägt zu sein als von Freiheit. Vieles erinnert eher an Totenkult als an eine Feier des Lebens. – Was würde Jesus davon halten? Denn er ist nicht tot; Jesus ist auferstanden und lebt, jetzt, hier, mitten in seiner Gemeinde. Die einzige Grundstimmung, die dem entspricht, ist hochzeitliche Feststimmung, ansteckende Freude, kindliche Ausgelassenheit. Deshalb fordert die heutige Frage von Jesus aus Matthäus 9,15 auch uns als christliche Gemeinden heraus: „Könnt ihr euch vorstellen, dass Hochzeitsgäste Trübsal blasen, wenn der Bräutigam doch mitten unter ihnen ist?“

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 9. März 2021

Fragen von Jesus – heute: Angst

Nun ist es fast genau ein Jahr her, dass uns dieses kleine, fiese Virus im Griff hat. Die Stimmung in der Bevölkerung ist allerdings nach einem Jahr eine andere geworden. Wir wehren uns gegen Corona! Mit Umsicht und Vorsicht und vor allem mit Impfstrategien. Wir fühlen uns diesem Generalangriff auf die gesellschaftliche Ordnung nicht mehr hilflos ausgeliefert. Vor einem Jahr dagegen saß uns vor allem die Angst im Nacken.

Angst ist eines der Gefühle, die wie eine Infektion über uns herfallen. Mit dem Unterschied, dass wir uns normalerweise kaum gegen Angstgefühle wehren können. Plötzlich ist sie da und beherrscht uns. Zum Beispiel in lebensbedrohlichen Situationen. Die Jünger von Jesus haben das erlebt. Sie waren mit einem Boot unterwegs auf dem See Genezareth. Plötzlich bricht ein Unwetter über sie ein. Sturm wühlt das Wasser auf und peitscht es ins Boot. Selbst die erfahrenen Fischer unter den Jüngern bekommen es plötzlich mit der Angst zu tun, mit Todesangst! Gegen eine so starke Furcht ist man völlig hilflos. Sie füllt die Herzen wie Wasser das Boot. Umso erstaunlicher ist die Frage, die Jesus seinen Jüngern in dieser Situation stellt: „Warum habt ihr eigentlich solche Angst?“ (nachzulesen in Matthäus 8,26).

Und dann steht er im Boot auf, spricht ein paar Worte zu Wogen und Wind – und plötzlich ist alles still. Ja, hätten die Jünger das vorher gewusst! Sie hätten sich nicht so von ihrer Angst beherrschen lassen. Aber Leben wird nun einmal nur vorwärts, nie rückwärts gelebt. Hinterher ist man immer schlauer.

Wie können wir mit unserer Angst umgehen? Mit den Ängsten, die das Unbekannte oder Übermächtige in uns hervorrufen. Und vor allem mit der Angst vor dem ganz großen Unbekannten und Übermächtigen: dem Tod. Warum ist Jesus offensichtlich der Meinung, dass wir uns oft unnötig Angst einjagen lassen? Weil Jesus etwas weiß, was die Jünger damals einfach noch nicht oder nicht mehr im Blick hatten: „Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden“ (Matthäus 28,18). Jesus weiß, dass er am längeren Hebel sitzt. Jesus weiß, dass vor ihm alles kapitulieren muss, was uns Angst einjagt. Sogar der Tod! Die Wunder, die Jesus getan hat, sind vor allem Hinweise auf diese Macht.

Wenn Jesus mit im Boot ist, gibt es nichts außerhalb oder innerhalb des Bootes, das mächtiger wäre als er. Wenn Jesus in unserem Lebensboot ist, haben wir den an Bord, dem alles zuzutrauen ist. „Warum habt ihr trotzdem Angst?“ ist deshalb die Frage von Jesus an seine Jünger. „Ich bin doch da!“ Wir haben vieles nicht im Griff in unserem Leben und in dieser Welt. Deshalb lauern überall Ängste auf uns. Das ist die eine Seite der Wirklichkeit. Die andere Seite der Wirklichkeit lautet: Jesus ist bei uns, alle Tage bis ans Ende der Welt, der, der alles in der Hand hat. Wie mächtig die Angst in unserem Leben wird, hängt viel davon ab, welcher Wirklichkeit wir mehr vertrauen!

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 8. März 2021

Fragen von Jesus – heute: Lebensverlängerung

In den nächsten drei Wochen stehen Fragen im Mittelpunkt der Tagesimpulse, in dieser ersten Woche Fragen aus dem Matthäus-Evangelium, die Jesus einmal gestellt hat.

Im Moment wird nicht nur über Corona viel diskutiert, sondern auch über die Frage nach der Lebensverlängerung. Ist es sinnvoll und wünschenswert, das Leben rein körperlich zu verlängern, auch wenn das durch die Apparate-Medizin möglich ist? Und wenn das Leben einem Menschen subjektiv schier unerträglich erscheint: ist es dann richtig, ihm ein selbstbestimmtes Sterben zu verweigern? Zwei Fragen an der Grenze des Lebens, die für reichlich Diskussionsstoff sorgen und die beide nicht leicht zu beantworten sind.

Was die Menschen allerdings mitten im Leben bewegt, ist eine ganz simple Frage: wie kann man dieses Leben verlängern? Oder sich zumindest auch im Alter jünger fühlen? Für ein entsprechendes Aussehen sorgt ein ganzes Arsenal von „Anti-Aging“-Produkten, die in den letzten Jahren auf den Markt geworfen wurden. Die körperliche Fitness soll erhalten werden durch aufwändige Trainingsangebote, raffinierte Diäten und vitaminstrotzende Nahrungsergänzungsmittel. Und auch mental möchte man nicht rosten, so dass der Bildungsmarkt zunehmend Angebote für die gereifte Generation bereithält. Es wird mittlerweile viel Zeit und Geld investiert, um dem Leben möglichst viele Jahre ohne allzu große Einschränkungen hinzuzufügen.

Die Frage, die Jesus dazu stellt, lautet: „Gibt es unter euch irgendjemanden, der seine Lebenszeit auch nur um kurze Frist verlängern kann, egal wie sehr er sich darum bemüht?“ Diese Frage, die man in Matthäus 6,27 mitten in der Bergpredigt nachlesen kann, hat nichts mit Schicksalsgläubigkeit zu tun. Als wäre unsere Lebenszeit grundsätzlich vorherbestimmt. Natürlich können wir etwas dazu beitragen, dass unsere Gesundheit möglichst lange erhalten bleibt. Das ist tatsächlich eher eine Frage des Lebensstiles als des Schicksals. Jesus geht es aber vor allem um die Prioritäten, die wir im Leben setzen. Stimmt der Satz, den man immer wieder hören kann: „Hauptsache gesund“? Verliert unser Leben an Wert und Würde, wenn es nicht mehr voller Saft und Kraft ist? Wenn das so wäre, müssten wir wirklich alles dransetzen, um fit zu bleiben. Sie kennen den Zusammenhang der Frage von Jesus wahrscheinlich: es geht darum, dass wir uns als Menschen so sehr um die Äußerlichkeiten unseres Lebens sorgen. So sehr, dass wir aus dem Blick verlieren, was wirklich wichtig ist. Darum verweist Jesus auf Blumen und Vögel, die sich mit solchen Lebens-Sorgen überhaupt nicht belasten können – und für die Gott trotzdem liebevoll sorgt. Gott sorgt mindestens genauso für uns, völlig unabhängig von unserem Lebensalter, unserer Lebensleistung oder unserer Lebensverfassung. Weil ihm nicht wichtig ist, was wir leisten, sondern wer wir sind: geliebte Kinder des Vaters im Himmel. Hauptsache gesund? Nein: Hauptsache geliebt! Hauptsache auf dem Weg mit Jesus, weil dieser Weg dorthin führt, wo Lebensverlängerung gar kein Thema mehr sein wird: in die Ewigkeit bei Gott. Wer sich um diese Lebensverlängerung bemüht, der setzt die richtigen Prioritäten. Sage nicht ich, sondern Jesus, wenn man in Matthäus 6 weiterliest.

Gehen Sie unbesorgt in diese Woche und nehmen Sie jeden Tag als Geschenk Gottes entgegen. Und wenn es einmal nicht rund läuft, denken Sie daran: das Beste kommt ja erst noch!

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 13. FEBRUAR 2021

„Wer bin ich?“ – Biblisches Personenraten von A-Z; heute: Z wie Zaungast

P wie Petrus wäre gestern ein wenig zu einfach gewesen. Die Lösung lautete also S wie Simon, den Jesus später erst Petrus nannte. Heute also zum letzten Mal die Frage: wer war’s? Und gleichzeitig voraussichtlich zum letzten Mal ein Corona-Tagesimpuls. Zum einen weil das in den nächsten beiden Wochen zeitlich wahrscheinlich nicht anders geht, zum anderen, weil danach hoffentlich doch das öffentliche Leben wieder ein wenig gelockerter erlebbar ist, möglichst auch in der Gemeinde.

Nun aber zu Herrn Z. Pfiffige Bibelrater kombinieren jetzt sofort im Geist, welche Männer mit dem Anfangsbuchstaben Z es in der Bibel gibt. Da wären, um nur einige zu nennen, z. B. Zadok, Zacharias, Zalaph, Zalmuna, Zedekia, Zelek, Zenas, Zephanja, Zepho, Zohar, Zur und Zippora. Ach nein, das ist eine Frau, wenn auch eine äußerst interessante und einflussreiche, die Frau des Mose nämlich. Aber um die geht es heute nicht. Immerhin: es gibt erstaunlich viele biblische Personen, die mit Z beginnen. Natürlich auch die heute gesuchte.

Welche Worte mit Z würden diesen biblischen Prominenten noch beschreiben? Z wie Zwischenstation z. B.; denn in seinem Dienstleistungsberuf stand er im Grunde zwischen dem Kunden und dem eigentlichen Geldempfänger. Dafür wurde er bezahlt. Z wie zu niedrig, wie er selbst meinte, oder Zu-kurz-gekommen. Deshalb half er ein wenig nach und erhob für seine Leistungen von den Kunden eine Extra-Entlohnung. Sehr zu deren Verdruss. Apropos Zu-kurz-gekommen: das war ganz sicher ein Problem für Z., allerdings eher in körperlicher Hinsicht. Fakt war jedenfalls: viele Freunde hatte er nicht in seiner Stadt. So war Z. zwar ziemlich reich geworden, aber trotzdem ziemlich einsam geblieben.

Das änderte sich zunächst auch an dem Tag nicht, an dem sich sein Leben in eine entscheidend neue Richtung bewegen sollte. Begonnen hatte das damit, dass prominenter Besuch in der Stadt angesagt war. Die ganze Bevölkerung war auf den Beinen. Niemand wollte einen Blick auf diesen Superstar verpassen. Wahrscheinlich hatten sich die lokalen Größen an gut sichtbarer Stelle in Position gebracht. Im Hintergrund war vielleicht schon alles für das gemeinsame Festessen mit diesem Star und dessen Gefolge vorbereitet. Z. sah man nicht unter ihnen. Aber auch anderswo sah man ihn nicht. Er schien untergetaucht zu sein. Oder sollte man besser sagen: aufgetaucht? Denn ausgerechnet der Star des Tages ließ alle so wichtigen Leute des Ortes links liegen und fand Z. Nicht unter, sondern auf einem Baum, als Zaungast gewissermaßen. Sehen, ohne gesehen zu werden, hatte sich Z. wohl gedacht. Sie wissen ja, wie es weiter ging: Jesus rief Z. vom Baum herunter und verkündete lauthals, dass er ausgerechnet bei ihm heute zu Gast sein wolle, nein, sogar müsse. Auch wenn Z. darauf sicher nicht vorbereitet gewesen war, freute er sich wie ein Kind und es wurde ein Festmahl gefeiert, gegessen und geredet. Und am Ende war Z wie Zahltag angesagt. Denn Jesus hatte bei Z. das erreicht, was bis dahin so verschlossen gewesen war: das Zentrum seines Lebens, sein Herz. Glücklicherweise öffnete Z. es für Jesus. Jesus im Herzen eines Menschen: das ändert alles. So erlebte es auch Z. Plötzlich sah er sein Leben in einem anderen Licht: sah seine Schuld, sah aber auch Liebe und Vergebung, sah die Not anderer – und versuchte gut zu machen, was ging. Zachäus ist ein großartiges Beispiel dafür, dass es bei Jesus keine hoffnungslosen Fälle gibt und dass die Liebe Gottes mehr verändern kann als alles andere. Natürlich nicht nur bei Zachäus!

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 12. FEBRUAR 2021

„Wer bin ich?“ – Biblisches Personenraten von A-Z; heute: S wie Schaumschläger

Was könnte man vom Bibel-Promi dieses Tages berichten? Am besten lassen wir diese Persönlichkeit heute einmal selbst erzählen:

„Tja, was soll ich über mich sagen, ohne Ihnen gleich zu viel zu verraten? Vielleicht erst einmal das Allerwichtigste: mein Verhältnis zu Jesus ist nicht frei von Enttäuschungen. Das ist ein wesentlicher Punkt in meinem Leben. So wesentlich, dass ich diesen Aspekt selten weggelassen habe, wenn ich anderen etwas aus meinem Leben erzählte. Und das habe ich oft getan. Ich will Ihnen etwas verraten, was Sie vielleicht noch gar nicht wussten: auch wenn keines der vier Evangelien meinen Namen trägt, geht doch das kürzeste davon zu einem großen Teil auf meine Erinnerungen zurück. Glaube ich jedenfalls. Früher hätte ich vielleicht sogar darum gestritten, ob es deshalb nicht lieber meinen Namen tragen sollte, aber das ist mir längst nicht mehr so wichtig. Wichtig ist, dass man den Namen Jesus kennen lernt, egal wie und durch wen.

Ach ja, Jesus! Nicht dass Sie das falsch verstehen. Nicht ich war enttäuscht von ihm. Im Gegenteil: er hat mich nie in meinem ganzen Leben enttäuscht. Aber er war enttäuscht von mir. Und das mit Fug und Recht. Ich habe es damals an seinem Blick gesehen. Der ging nicht nur unter die Haut, sondern mitten ins Herz. In meinem ganzen Leben habe ich mich noch nie so elend gefühlt wie in dieser Situation. Wir konnten darüber erst einmal nicht reden. Und dann überschlugen sich die Ereignisse dermaßen, dass anderes im Vordergrund stand. Aber als es dann etwas ruhiger geworden war, hat Jesus mich zur Seite genommen und mich unter vier Augen noch einmal auf mein Verhalten angesprochen. Das Schlimmste an diesem Gespräch war, dass er die Situation mit keinem einzigen Wort erwähnte und kein Wort der Kritik laut wurde. Es ging Jesus nur um eins: um unser Verhältnis zueinander. Dass er mir voller Liebe und Vergebung begegnete, war klar. Aber er wollte wissen, wie es in meinem Herzen aussah. War er mir auch so wichtig? Obwohl es mit meiner Treue nicht weit her gewesen war?

Ich war immer eher jemand gewesen, der den Mund zu voll genommen und selten gehalten hat. Immer vorneweg und dort zu finden, wo etwas los war. Das hat Jesus mir das ein oder andere Mal schon vorgehalten gehabt. Ich behauptete tatsächlich sogar einmal, dass ich in meiner Loyalität zu Jesus weiter gehen würde als jeder andere. Aber fast genau das Gegenteil trat ein: ich enttäuschte Jesus mehr als jeder andere. Seitdem ich mich nicht mehr in erster Linie als großen Draufgänger, sondern eher als großen Schaumschläger erkennen musste, bin ich kleinlauter geworden. Ein Satz von mir wird deshalb oft erwähnt, als wäre er auf meinem Mist gewachsen. Dabei habe ich ihn selbst aus dem Buch der Sprüche zitiert: ‚Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade‘.

Diese Gnade hat mich wirklich für den Rest meines Lebens geprägt. Denn als ich mich vehement mit Worten von Jesus distanziert hatte, lag in seinem Blick eine große Enttäuschung. Aber als er mich dann später in unserem Vier-Augen-Gespräch ansah, las ich in seinem Blick unglaublich viel Gnade und Vergebung. Deshalb habe ich dieses große Versagen auch immer wieder erwähnt. Die Menschen sollten kein falsches Bild von mir bekommen, nur weil ich später eine Führungsrolle in der jungen christlichen Gemeinde einnahm. Sie sollten wissen: ich bin, was ich bin, nur aus Gnade. Wer das nicht glaubte, hätte nur mal meine Schwiegermutter fragen müssen. Doktor Lukas, dieser Schelm, um den es gestern ging, erwähnt sie übrigens tatsächlich sogar eher als mich in seinem Evangelium. Unmöglich, oder? Früher hätte ich mich darüber echt aufgeregt. Aber mittlerweile habe ich das hinter mir gelassen, wie meinen eigentlichen Namen. Unter meinem Alias, den mir Jesus gegeben hat, bin ich deutlich bekannter. – So, jetzt wissen Sie das Wichtigste von mir, obwohl ich noch jede Menge zu erzählen hätte. Lesen Sie es doch einfach selbst nach. Zum Beispiel im Markus-Evangelium, das ja eigentlich im Grunde von mir … aber das hatte ich bereits erwähnt, oder?“

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 11. FEBRUAR 2021

„Wer bin ich?“ – Biblisches Personenraten von A-Z; heute: L wie Liebesbrief

Allzu schwer sind die Personenrätsel dieser Woche ja nicht, daher haben Sie wahrscheinlich gestern relativ schnell geahnt, dass es um den Propheten Jona ging, den Mann, der vor Gott und dessen Auftrag weglaufen wollte. Um es gleich vorweg zu verraten: auch heute geht es um einen Mann. Einen, der zwei besondere Liebesbriefe geschrieben hat. Normalerweise sind Liebesbriefe ja eher eine intime Angelegenheit, die nicht in die Öffentlichkeit gehört. Bei ihm handelt sich aber gewissermaßen um offene Briefe.

In dem einen Brief ist Liebe ein besonderes Thema. Die Liebe Gottes nämlich. Ganz offensichtlich ist unser biblischer Prominenter von dieser Liebe besonders gepackt worden. Man spürt seinem Schreiben an etlichen Stellen ab, dass er fasziniert davon ist, wie Gott bzw. Jesus Menschen begegnet ist. Vielleicht hat er manches auch aus einem ganz bestimmten Blickwinkel betrachtet, anders als andere, die ähnliche Schreiben verfasst haben. Weil er von Berufs wegen oft mit Menschen zu tun hatte, die auf Hilfe angewiesen waren.

Der Umgang mit Worten fiel ihm dabei nicht schwer. Er hatte eine wissenschaftliche Ausbildung genossen und war es gewohnt, entsprechend zu denken. Viel hatte er von Jesus gehört und auch schon gelesen gehabt, aber es war ihm wichtig, manches davon noch einmal selbst zu überprüfen. Insbesondere, da er dem irdischen Jesus nie selbst begegnet war. Umso mehr versuchte er, sich durch Interviews mit Augenzeugen der Taten von Jesus ein eigenes Bild zu machen. Wann und wie der heute gesuchte Mann Christ geworden war, wissen wir nicht. Wir wissen aber, dass er ganz offensichtlich Paulus auf dessen zweiter Missionsreise in Troas begegnet ist und mit ihm von dort nach Europa übersetzte. Er wurde zu einem wichtigen Mitarbeiter für Paulus und begleitete ihn unter anderem nach Jerusalem und auch auf die unfreiwillige Reise nach Rom, inklusive Schiffbruch.

Offensichtlich hatte der heutige Bibel-Promi ein paar einflussreiche, zumindest vermögende Freunde. Einer von ihnen lag ihm besonders am Herzen. Auch er war Christ geworden, hatte aber scheinbar noch viele offene Fragen zu Jesus, seinem Leben, Wirken, Sterben und Auferstehen. Die räumliche Trennung zwischen den beiden Bekannten machte das direkte Gespräch unmöglich. Manch einer hätte bedauernd die Achseln gezuckt und das Thema zu den Akten gelegt. Nicht so unser Prominenter. Er nimmt sich sehr viel Zeit – und viel Papier und Tinte, und versucht seinem Freund so ausführlich wie möglich alles zu schreiben, was ihm selbst wichtig geworden war. Und – wie schon erwähnt – dafür alle Fakten noch einmal gründlich zu recherchieren, um nichts Falsches zu sagen. In diesem großen Engagement für den anderen zeigt sich einerseits ein äußerst liebevoller Einsatz und andererseits die Liebe Gottes, die einem immer wieder in den beiden Büchern begegnet, die am Ende dabei herauskommen. Auch wenn ich am Anfang von zwei Liebesbriefen gesprochen habe, sind es schließlich die beiden umfangreichsten Schriften des Neuen Testamentes geworden. Ohne sie wüssten wir nichts vom barmherzigen Samariter oder vom verlorenen Sohn. Auch die erstaunliche Lebenswende des Zachäus zum Beispiel hätten wir nicht kennenlernen können, die eine Folge der liebevollen Zuwendung von Jesus war. Und wir hätten kaum zeitgenössische Informationen über das Leben und Erleben der ersten Christen. Wem wir das verdanken? Natürlich L wie … – genau!

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 10. FEBRUAR 2021

„Wer bin ich?“ – Biblisches Personenraten von A-Z; heute: J wie Jammerlappen

Zunächst einmal die Lösung von gestern: gesucht war D wie Daniel. Heute hätte die Überschrift auch sein können: J wie Jaffa. Denn diese alte Hafenstadt Israels – heute ein Stadtteil Tel Avivs – spielt gleich am Anfang der Geschichte der heute gesuchten Person eine Rolle. Eigentlich fing alles mehr oder weniger verheißungsvoll an. Immerhin erlebte unser Bibelpromi einen der beiden wichtigsten Tage in seinem Leben. Mark Twain hat nämlich angeblich einmal gesagt: „Die beiden wichtigsten Tage im Leben sind der Tag, an dem du geboren wurdest, und der, an dem du herausfindest, warum.“ Den ersten wichtigen Tag haben wir alle bereits längst hinter uns. Den zweiten erleben etliche leider nie; sie leben einfach drauflos und wissen gar nicht, wozu sie auf der Welt sind. Das ist entweder ziemlich oberflächlich oder einfach töricht, auf jeden Fall aber ziemlich schade.

Dieses Problem hatte X, nennen wir sie oder ihn einfach einmal so, glücklicherweise nicht. Denn X bekommt von Gott einen sehr konkreten Auftrag. Einen, der über das Leben von über 100.000 Menschen entscheiden würde. Eine wirklich bedeutende Mission also, mit einem kleinen Haken allerdings. Sie würde X wahrscheinlich nicht gerade zum Publikumsliebling jener 120.000 Menschen machen. Ganz abgesehen davon, dass diese Leute zu denen gehörten, die Israel vor noch nicht allzu langer Zeit am liebsten von der Landkarte ausradiert hätten. Was also sollte X in dieser Situation tun? Gottes Auftrag ausführen? Das wäre nicht nur ein langer Weg, sondern womöglich auch einer ohne Wiederkehr geworden. Einfach so tun, als ob Gott nichts gesagt hätte? Dazu hatte X Gott einfach zu real erlebt. X wusste, vielleicht aus Erfahrung: Wenn Gott etwas sagt, hat Widerspruch keinen Zweck.

Was machen Menschen, denen Gottes Idee für ihr Leben zu unbequem ist? Sie entwickeln eigene, alternative, angenehmere Lebenskonzepte und folgen ihnen. So machte es auch X. An dieser Stelle kommt Jaffa ins Spiel. Statt nach Osten macht sich X schnurstracks nach Westen auf den Weg. Von Jaffa aus soll es auf dem Seeweg nach Spanien gehen. Dort würde X unabhängig von Gottes Dazwischenfunken sein eigenes Leben leben. Glücklicherweise lässt Gott weder X noch uns einfach in unser Unglück laufen. Denn genau das tun wir, wenn wir Gottes Ansagen in den Wind schlagen, auch wenn wir uns noch so sehr einreden, ohne Gott könnten wir glücklicher sein. Manchmal ist es allerdings schmerzhaft, wenn Gott uns auf seinen Weg zurückholt. Und möglicherweise haben wir sogar den Eindruck, als ob wir vom Regen in die Traufe kämen. So kam es auch X vor. Aber Gott wollte nicht nur sein Bestes, sondern durch ihn auch das Beste für die vielen Menschen in der gewaltigen Hauptstadt Assyriens, zu der Gott X gewissermaßen per Bio-U-Boot-Sondertransport brachte.

Nachdem X dort seine Botschaft abgesetzt hatte – wie gesagt: keine besonders positive – wartete er darauf, dass Gott Feuer und Schwefel über diese gottlosen Menschen regnen ließ. Vierzig Tage Zeit hatte Gott den Menschen gegeben, Buße zu tun. Lächerlich, dachte X, alle, aber nicht die! Das Unerwartete geschieht: Vom König bis zum Kleinkind werden die Menschen vor Gott ehrlich – und erfahren Vergebung und Verschonung. Was aber tut X? Statt sich darüber zu freuen, wird die heute gesuchte Person am Ende der Geschichte zum echten Jammerlappen und beschwert sich bei Gott über so viel Gnade. Dabei lebte X selbst nur durch genau diese!

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 9. FEBRUAR 2021

„Wer bin ich?“ – Biblisches Personenraten von A-Z; heute: D wie Durchhalten

Er hat sich in Kalifornien eine Wohnung mit unserem älteren Sohn geteilt. Sein Hobby ist nicht ganz ungefährlich: Bergsteigen. Aber wahrscheinlich reizt ihn der Adrenalin-Kick dabei. Als wir ihn fragten, was seine Freundin denn dazu meine, antwortete er mit verschmitztem Lächeln: Er sage ihr meist nur, dass er wandern gehe. Die Wirklichkeit sah aber eher wie die Situation auf dem Foto aus. Für dieses Hobby braucht man nicht nur einen durchtrainierten Körper und Mut, sondern auch Durchhaltevermögen, gerade dann, wenn’s brenzlig wird.

Genau das benötigte auch die prominente biblische Person, um die es heute geht. Sie muss ein besonderes Charisma gehabt haben – und echte Leitungsqualitäten. Denn sie gewann schnell das Vertrauen von Vorgesetzten, übernahm Verantwortung und war Vorbild für andere. Darüber hinaus zeichnete diesen Bibelpromi laut Bibel aus, gut auszusehen, weise und gebildet zu sein und eine besondere Auffassungsgabe zu haben. Wo man das nachlesen kann, verrate ich natürlich nicht, dann wäre dieses Personenrätsel ja allzu leicht.

Dass man mit diesen Voraussetzungen Karriere machen kann, versteht sich von selbst. Nicht selbstverständlich ist jedoch, dass man das als Kriegsgefangener im Land der Eroberer schafft. Meist geht das nur, wenn man sich anpasst, anbiedert und verbiegt. Nichts von alldem kann man aber unserer prominenten Rätselfigur vorwerfen. Im Gegenteil: sie versuchte, auch unter völlig anderen religiösen Rahmenbedingungen dem Gott Israels die Treue zu halten. Viele würden dabei den einen oder anderen Kompromiss in Kauf nehmen, nicht so unser Promi!

Das fing bereits beim Essen an. Es war ein absolutes Privileg, wenn man mit den Köstlichkeiten der königlichen Tafel verwöhnt werden sollte, und das als Kriegsgefangener. Leider waren unter den Schlemmereien etliche Speisen, die Juden von Gott her verboten worden waren. Aber kann man so ein Privileg abschlagen? Man vielleicht nicht, aber diese biblische Bekanntheit tat es. Zum Schrecken des königlichen Kämmerers. Mit ihm wurde ein Abkommen geschlossen: heimlich solle er der gesuchten Person und dessen Freunden zehn Tage lang rein vegetarische und alkoholfreie Kost geben. Wenn ihnen diese Schmalkost in irgendeiner Weise schaden sollte, wolle man gerne vom Tisch des Königs essen. Aber eigentlich vertrauten sie alle darauf, dass Gott sie nicht im Stich lassen würde. Genau so kam es auch. Sie fielen nicht vom Fleisch, sondern wurden umso gesünder und geistig fitter. Schon bald waren sie als Berater für König Nebukadnezar unentbehrlich und erlebten unter ihm noch andere, wesentlich spektakulärere Beweise, wie Gott ihre Treue zu ihm belohnte. Nebukadnezar starb, Darius wurde Herrscher im Land. Die zu erratende Person aber blieb auch für ihn unverzichtbar und wertvoll. So etwas ruft Neider auf den Plan. Eine Intrige wurde geschmiedet, die damit endete, dass unser Promi in eine Grube mit ausgehungerten Raubtieren geworfen wurde. Nur weil er am Gebet zu seinem Gott festhielt. Darum hielt Gott auch ihn fest an seiner Hand. „Sie zogen XY aus der Grube heraus, und man fand keine Verletzung an ihm/ihr; denn er/sie hatte Gott vertraut“, so überliefert es die Bibel. Durchhalten in der Treue zu Gott ist nicht immer leicht, aber immer der bessere Weg in herausfordernden Lebenslagen, einer, auf dem man hier und da auch Wunder erlebt. – Und spätestens jetzt wissen Sie sicher, von wem die Rede ist. – Gestern war es übrigens A wie Abraham.

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 8. FEBRUAR 2021

„Wer bin ich?“ – Biblisches Personenraten von A-Z; heute: A wie Ausbrecher

Vorerst ist dies die letzte Woche der Corona-Tagesimpulse der Matthäus-Kirchengemeinde. Dabei lade ich Sie jeden Tag zu einem kleinen Ratespiel ein. Ich möchte Ihnen sechs Personen des Alten und Neuen Testamentes vorstellen, die Sie sehr wahrscheinlich kennen. In jedem Tagesimpuls dieser Woche bekommen Sie einige Hinweise zum jeweiligen biblischen Prominenten, die es Ihnen sicher nicht allzu schwer machen, ihn zu erraten. Außerdem gibt es jeweils ein Stichwort zum Leben dieser Personen, das ein wenig erklärt wird. Die Lösung erfahren Sie, Sie haben es wahrscheinlich schon geahnt, erst am nächsten Tag.

Los geht’s beim Buchstaben A. Gesucht wird ein Ausbrecher. Wenn Sie dabei an einen Gefängnisausbruch denken, sind Sie allerdings auf der völlig falschen Spur. Es handelt sich eher um einen Ausbruch aus dem bisherigen Alltag dieser Person. Wie dieser Alltag aussah, wird in der Bibel nicht erwähnt. Daher kann man davon ausgehen, dass das Leben recht normal ablief: die Wiederholung der täglichen Routine aus Essen, Arbeiten, Ausruhen, Schlafen und ab und zu auch Feiern.

Was wir allerdings wissen, ist, dass dieser Bibel-Promi offensichtlich nicht zu den Ärmsten gehörte. Er hatte nicht nur einiges an Besitztümern, sondern auch eine ganze Reihe Angestellte. Die gröbste und schwerste Arbeit musste er also wohl nicht selbst erledigen. Er ließ schuften. Als er in der Bibel in Erscheinung tritt, ist er bereits 75 Jahre alt. Eigentlich ein Alter, in dem man es etwas ruhiger angehen lässt und auch nicht mehr sehr erpicht auf Veränderungen ist. Umso erstaunlicher ist es, dass er (ja es handelt sich um einen Mann) eines Tages sein bisheriges Leben hinter sich lässt und aus seinem gewohnten Alltag komplett ausbricht.

Heutzutage passiert da ja auch ab und zu. Manchmal aus einer gewissen Frustration am täglichen Einerlei heraus, manchmal aber auch, weil man in einem gewissen Alter einfach noch einmal neu durchstarten möchte. Wobei sich so etwas auch heute eher die Vermögenden leisten können. – Aber zurück zu unserem Prominenten. Er hatte einen völlig anderen Grund, diesen Ausbruch zu wagen, der in einen ganz konkreten Aufbruch mündete.

Auslöser dafür war ein unglaubliches Versprechen. Man hatte ihm zugesagt, dass er in der Weltgeschichte eine Rolle spielen werde, von der alle Menschen profitieren sollten, ebenso wie das Volk, das aus seinen Nachfahren entstehen sollte. Einzige Voraussetzung dafür: er müsse den Ausbruch aus seinem bisherigen Leben wagen, ohne eine andere Garantie außer jenem Versprechen. Was mich nach wie vor überrascht: dieser Mann verließ sich tatsächlich darauf! Obwohl er und seine Frau schon so alt waren – und darüber hinaus auch noch kinderlos. Nicht die besten Voraussetzungen für einen Erfolg dieser ganzen Aktion. Es gibt nur einen einzigen Grund, warum er den Ausbruch aus seinem alten Alltag wagte: weil es Gott selbst war, der ihm dieses Versprechen gab. Was dieser Mann erlebte, dessen Namen Sie sicher längst erraten haben, ist wie ein roter Faden in der Bibel, der in Psalm 33, Vers 4 ganz treffend zusammengefasst wird: „Was Gott sagt, ist zuverlässig, und seine Versprechen hält er auf jeden Fall ein.“ – Das gilt immer noch! Aber immer noch gilt ebenfalls: wer es nicht wagt, sich darauf zu verlassen, kann das auch nicht erleben.

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 6. FEBRUAR 2021

Tatort Bibel – heute: Justizskandal

Der US-Bundesstaat Alabama ist nicht gerade bekannt für Toleranz. Der Rassismus ist in den Köpfen vieler weißer Bürger noch tief eingraviert. Sogar in christlichen Gemeinden! Möglicherweise ist das mitentscheidend gewesen, dass der dunkelhäutige Nathaniel Woods 2004 für ein Verbrechen verhaftet und 2005 zur Todesstrafe verurteilt wurde, das er wahrscheinlich nie begangen hatte. Obwohl der eigentliche Täter gefasst worden war und beteuerte, dass Woods „hundert Prozent unschuldig“ sei, und obwohl die Geschworenen ebenfalls nicht ganz von seiner Schuld überzeugt waren, wurde Nathaniel Woods vor genau 11 Monaten nach 15 Jahren Haft in der Todeszelle hingerichtet. 120.000 teils prominente Befürworter seiner Begnadigung, unter ihnen Kim Kardashian und der Sohn von Martin Luther King, konnten das nicht verhindern. Ein Justizskandal, der leider in den USA kein Einzelfall ist.

Ganz ähnlich war es bei einem anderen Justizskandal. Zwei schwere Jungs waren zum Tode verurteilt worden und warteten in ihrer Todeszelle auf die Hinrichtung. Vielleicht hatten auch sie die Hoffnung auf Begnadigung noch nicht ganz aufgegeben. Aber dann geht die Tür auf und sie werden abgeführt. Ein dritter zum Tode Verurteilter kommt auf dem Weg hinzu. Alle drei sollen an diesem Tag gemeinsam sterben. Es würde kein schneller, sondern ein langsamer und grausamer Tod werden. Einer der beiden Verbrecher macht sich über den dritten lustig. Da weist ihn der andere zurecht: „Du bist doch ganz genauso zum Tod verurteilt wie er. Du allerdings völlig zu Recht! Wir bekommen beide nur die Strafe, die wir verdient haben. Aber der da hat überhaupt nichts Unrechtes getan!“ So kann man es im Lukasevangelium, Kapitel 23, Verse 40+41 nachlesen.

Wenn man die Vorgeschichte dazu liest, wird erst recht deutlich, dass Jesus, der dritte Gekreuzigte, zu Unrecht gerichtet wurde. Falsche Zeugen spielten dabei eine Rolle, ebenso wie fadenscheinige Anklagen derer, denen Jesus einfach nur ein Dorn im Auge war, und schließlich ein römischer Gouverneur, der zwar um seine Unschuld wusste, ihn aber trotzdem zum Tode verurteilte. Oder stirbt da doch kein Unschuldiger?

Martin Luther schockierte 1531 seine Studenten in einer Vorlesung über den Galaterbrief mit folgenden Äußerungen: „Das haben alle Propheten gesehen, dass der zukünftige Christus der größte Räuber, Mörder, Ehebrecher, Dieb, Tempelschänder, Lästerer etc. sein würde, der durch keinen Verbrecher in der Welt je übertroffen wird.“ Nachdem die Studenten sich wieder einigermaßen gefangen hatten, erklärte Luther ihnen, was er damit meinte. Natürlich sei Jesus Christus völlig unschuldig gewesen. Aber am Kreuz trägt er die Strafe für alle nur erdenkliche Schuld der Welt. Freiwillig. Aus Liebe zu uns. In elf Tagen beginnt die Passionszeit, wo wir knapp sieben Wochen lang genau daran besonders denken. Paulus hat das einmal so zusammengefasst (2. Korinther 5,21): „Gott hat Christus, der völlig unschuldig war, an unserer Stelle als Schuldigen verurteilt, damit wir durch ihn von Gott freigesprochen werden können.“ Menschlich gesehen war das tatsächlich ein skandalöser Justizirrtum. Aus Gottes Sicht aber war es der Plan zu unserer Rettung, voller Hingabe und Liebe. Weil Jesus starb, dürfen wir leben, obwohl niemand von uns vor Gott unschuldig ist. Diese Begnadigung durch Jesus abzulehnen, das allerdings wäre in der Tat ein fataler Irrtum.

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 5. FEBRUAR 2021

Tatort Bibel – heute: Unterlassene Hilfeleistung

Es ist ein Abend im November 1989. Die Spätschicht im St. Josephs-Hospital in Lennestadt hat heute besonders lange gedauert. Und so ist es schon fast 23 Uhr, als Sabine endlich mit ihrem kleinen Peugeot allein unterwegs nach Hause ist. Normalerweise nimmt sie abends eine andere Strecke durch mehrere Ortschaften, um in den kleinen Ort Bracht zu fahren, in dem sie wohnt. Aber heute ist sie todmüde und will einfach schnell zuhause sein. Also wählt sie diesmal die kurze Strecke über Gleierbrück. Die Landstraße L 928 zwischen Bracht und Gleierbrück ist unbeleuchtet und einsam. Sicher schon zwei Kilometer lang ist Sabine kein Auto entgegen gekommen. Da sieht sie in der Kurve vor ihr einen Wagen auf dem Seitenstreifen stehen. Die Beifahrertür steht offen, das Licht ist aus. Kein Warndreieck ist aufgestellt und niemand zu sehen. Sie überlegt kurz. Soll sie anhalten? Und wenn das eine Falle wäre? Hier draußen würde niemand sie hören und ihr zu Hilfe kommen können. Aber wenn jemand ihre Hilfe brauchte? Schließlich gibt Sabine entschlossen Gas und fährt nach Hause. Einen Moment denkt sie daran, bei der Polizei anzurufen. Aber sie ist einfach zu müde und hat auch keine Lust auf die Umstände, die das machen würde. Trotzdem sieht sie noch tagelang die Tageszeitung genauer durch als sonst. Glücklicherweise findet sie keine Meldung über dieses Auto auf der L 928.

Die meisten Autofahrerinnen und -fahrer haben schon Ähnliches erlebt. Vielleicht auf der Autobahn, wo das Anhalten, Aussteigen und Helfen nicht ganz ungefährlich ist. Und man redet sich ein, dass ja wahrscheinlich nichts Schlimmes passiert ist und irgendjemand ganz bestimmt halten und helfen wird. Jemand, der vielleicht nicht allein ist und auch mehr Zeit hat. Deshalb haben wir wahrscheinlich ein gewisses Verständnis für Sabines Verhalten 1989.

Genauso wie für das Verhalten von zwei hochangesehenen Männern, die auf einer seinerzeit besonders gefährlichen Strecke ebenfalls nicht angehalten hatten, obwohl jemand ihre Hilfe gebraucht hätte. Heute würde man darüber diskutieren, ob das nicht unterlassene Hilfeleistung gewesen ist. Die könnte mit einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder einer empfindlichen Geldstrafe geahndet werden. Damals gab es entsprechende Gesetze noch nicht. Jesus macht in der Geschichte, die er über die beiden Männer erzählt, trotzdem klar, dass unterlassene Hilfeleistung nicht dem Gebot der Nächstenliebe entspricht. Und wenn man noch so fromm und richtig klingende Ausreden dafür anbringen könnte. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter in Lukas 10, das ein wenig an die Geschichte von Sabine erinnert, wird das deutlich.

Jesus redete damit nicht nur damals Menschen ins Gewissen, die ein ganz bestimmtes Problem mit der Nächstenliebe haben: sie würden Gott gegenüber all das Gute aufzählen, was sie für andere schon getan haben (und würden dabei nicht einmal lügen oder übertreiben). Aber sie würden all das Gute nicht erwähnen, was sie unterlassen haben. Bei diesem Thema fühle ich mich gewissermaßen in flagranti ertappt. In den ganz ehrlichen Momenten vor Gott bin ich eigentlich nicht stolz auf die guten Taten in meinem Leben; denn irgendwie scheinen sie mir dann einfach nur selbstverständlich zu sein. Aber ich schäme mich sehr für all die Gelegenheiten zur Liebe, die ich links liegen gelassen habe. Und trotzdem nehme ich mir heute wieder vor, sie besser zu nutzen. Ohne Gottes Hilfe schaffe ich das nicht. Glücklicherweise gibt es bei ihm keine unterlassene Hilfeleistung!

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 4. FEBRUAR 2021

Tatort Bibel – heute: Verbrechen aus Leidenschaft

Wo beginnt Mord? Juristisch ist das gar nicht so eindeutig, wie man gemeinhin annimmt. Oft hört man: Mord ist dadurch vom Totschlag unterschieden, dass er nicht spontan, sondern geplant begangen wird. Aber – wie gesagt – ganz so eindeutig ist es nicht. Jesus dagegen legt sich fest und sagt eindeutig, wo Mord beginnt (Matthäus 15,19): „Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken wie Mord, Ehebruch, sexuelle Unmoral, Diebstahl, Lüge und Verleumdung.“ Interessanterweise beginnen diese Verbrechen – laut Jesus – nicht im Kopf, also in unseren Gedanken, sondern sind noch tiefer verwurzelt: in unserem Herzen. „Aber sind die Gedanken nicht frei?“, könnte man einwenden. „Mord, Ehebruch usw. werden doch nicht schon durch den Gedanken daran zum Delikt, sondern erst durch die Umsetzung in die Tat – und das wird bei uns so schnell nicht geschehen!“

Er war eine Lichtgestalt mit legendärem Ruf und hatte wahrscheinlich ganz ähnlich gedacht. Gemeint ist nicht Franz Beckenbauer, sondern David, der König von Israel. Aber gerade er ist ein warnendes Beispiel dafür, dass man bereits im Kleinen auf sein Herz achten muss, um großes Unheil zu vermeiden. Dieser Kriminalfall der Bibel beginnt mit Bequemlichkeit und endet bei einem hinterhältigen Mordkomplott.

Einmal im Jahr zog das Heer Israels aus, um in eingenommenen Gebieten Präsenz zu zeigen oder die Grenzen des Landes sogar zu erweitern. Eigentlich immer dabei: der König als oberster Heerführer. Nur diesmal nicht. David hatte offensichtlich einfach keine Lust und überließ die Heeresführung General Joab. Zuhause überkommt den König Langeweile. Sie treibt ihn aufs Dach seines Palastes. Von diesem höchsten Gebäude der Stadt hat er eine wunderbare Aussicht. Unter anderem in die Innenhöfe der umliegenden Häuser, in denen teilweise auch Angehörige des Heeres wohnen. So fällt sein Blick auf Batseba, die bildhübsche Frau des Soldaten Uria, der natürlich gerade nicht zuhause ist. Denn er ist, anders als der König, pflichtbewusst mit dem Heer unterwegs. Da Batseba sich unbeobachtet wähnt, badet sie völlig nackt in ihrem Innenhof. Statt seinen Blick verschämt abzuwenden und möglichst sogar das Palastdach zu verlassen, sieht David im Gegenteil ganz genau hin. Erotisches Interesse an der Frau erwacht in ihm. Und es geht weiter: er holt die Frau zu sich in den Palast, schläft mit ihr und erfährt nach einiger Zeit, dass sie von David schwanger geworden ist.

Unter einem Vorwand lässt David Uria, Batsebas Ehemann, vom Kriegszug holen, in der Hoffnung, dass er die Nacht bei seiner Frau verbringt und so die Folgen des Ehebruchs nicht auffallen. Uria aber will keine Sonderrechte, sondern übernachtet dort, wo auch alle anderen Soldaten ihr Lager aufgeschlagen haben. Panik überfällt David. Heimlich befiehlt er General Joab, einen Angriff so zu führen, dass die vordersten Reihen ihn sicher nicht überleben würden. Und Uria soll in diese vorderste Reihe beordert werden. Dieser heimtückische Plan wird umgesetzt und endet tatsächlich mit dem Tod von Uria – und etlicher anderer Soldaten, die den allzu gefährlichen Angriff nicht überleben. Es begann mit Bequemlichkeit und endete mit letztlich mehrfachem Mord. Einem Mord, der eine andere Straftat vertuschen sollte. Die Tat hat David innerlich zerfressen. Irgendwann hat er alles gestanden. Wir wüssten sonst ja nichts davon. Und Gott hat ihm vergeben. Aber dieser Kriminalfall der Bibel bleibt eine ständige Mahnung, schon im Kleinen auf unser Herz zu achten.

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 3. FEBRUAR 2021

Tatort Bibel – heute: Menschenhandel

Wieviel ist ein Menschenleben konkret wert, also in Euro ausgedrückt? Könnten Sie auf diese Frage spontan antworten? Wahrscheinlich nicht. Und wahrscheinlich würden Sie auch gar nicht antworten wollen, sondern empört erwidern: „Den Wert eines Menschenlebens kann man doch nicht in Euro ausdrücken. Ein Mensch ist unendlich wertvoll!“ Die allermeisten würden Ihnen da sicher zustimmen. Sogar die Versicherungsgesellschaften. Theoretisch! Denn praktisch rechnen sie sehr wohl mit konkreten Zahlen an dieser Stelle. Genauso wie beispielsweise die Bundesanstalt für Straßenwesen. Dort wird für ein Menschenleben der Betrag von 1,2 Millionen Euro angesetzt. Immerhin! Denn in Pakistan kann man ein Kind bereits für umgerechnet 800 Euro „erwerben“. Und damit sind wir beim Thema Menschenhandel.

Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass es in Europa rund 150.000 Sklaven gibt, weltweit sogar über 20 Millionen. Und das, obwohl vor gut 200 Jahren beim Wiener Kongress Sklaverei international geächtet wurde. Fast 300 Jahre früher hatte sich sogar schon Papst Paul III. eindeutig gegen jede Art von Sklaverei geäußert. Trotzdem verdienen Menschenhändler aktuell noch jährlich geschätzt weit über 30 Milliarden Euro durch ihre üblen Machenschaften.

Zur Zeit des Alten Testamentes war Menschenhandel fast ein Geschäftszweig wie jeder andere. Aus verschiedensten Gründen wurden Menschen zur Handelsware, ge- und wieder verkauft. Vielleicht weil sie lebendige Beute aus Kriegszügen waren oder weil sie eine Schuld nicht anders begleichen konnten – oder weil sie einfach das Pech hatten, die Schwächeren zu sein.

So ging es einem jungen Mann, der noch von Glück reden konnte, dass er in die Sklaverei verkauft wurde. Denn eigentlich sollte er elendig in einem leeren, unterirdischen Wasserloch in der Wüste verhungern und verdursten. So hatte es der verbrecherische Elferrat beschlossen, der dafür verantwortlich war. Einem von ihnen schlug allerdings das Gewissen. Als eine Gruppe Menschenhändler vorbei kam, schlug er den anderen zehn daher vor, den jungen Mann doch lieber zu Geld zu machen. So bekam jeder ein hübsches kleines Sümmchen extra – und sie waren ihren Bruder, denn um den handelte es sich dabei, trotzdem ein für alle Mal los. Dachten sie zumindest.

Was man im 1. Buch Mose ab Kapitel 37 nachlesen kann, ist wirklich spannend wie ein Krimi. Zumal der Weg von Josef, dem Lieblingssohn von Jakob, um den es gestern ging, ein einziges Auf-und-Ab war. Für mich persönlich sind das eindeutig die dramatischsten Kapitel des Alten Testamentes. Am beeindruckendsten ist am Ende, wie Josef mit seinen Brüdern umgeht, die ihn viele Jahre zuvor so hartherzig verkauft hatten. Denn mittlerweile sitzt er am längeren Hebel, ist nach dem Pharao der mächtigste Mann in Ägypten und hat alle Möglichkeiten, sich zu rächen. Seine Brüder, die mittlerweile ebenfalls in Ägypten wohnen, fürchten genau das. Aber Josef hatte eins durch seine Leidensgeschichte gelernt: dass Gott nicht nur durch Höhe-, sondern auch durch Tiefpunkte in unserem Leben Segen entstehen lassen kann. Kein Verbrechen, natürlich auch nicht Menschenhandel, ist jemals zu rechtfertigen. Aber sogar solches Unrecht kann Gott benutzen, um uns und anderen am Ende Gutes zu tun. So jedenfalls lautete Josefs Fazit seinen Brüdern gegenüber: „Ihr hattet böse Absichten mit mir, aber Gott hatte die Absicht, Gutes daraus zu machen“ (1. Mose 50,20). Diese Absicht Gottes steht auch über diesem Tag in Ihrem Leben, egal welche Herausforderungen er mit sich bringen mag!

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 2. FEBRUAR 2021

Tatort Bibel – heute: Identitätsdiebstahl

Stellen Sie sich vor, es klingelt an der Wohnungstür. Sie öffnen nichtsahnend. Von draußen stürmt ein Einsatzkommando der Polizei die Wohnung, durchsucht alles, beschlagnahmt alle elektronischen Geräte und nimmt Sie fest. Sie wissen überhaupt nicht, wie Ihnen geschieht und können kaum noch klar denken. Erst als Sie verhört werden, begreifen Sie langsam, was los ist. Die furchtbaren Undinge, die man Ihnen vorwirft, können Sie unmöglich selbst begangen haben. Sie können beweisen, dass Sie zu den Tatzeiten z. B. an Ihrem Arbeitsplatz waren. Einkäufe mit Ihren Kreditkarten sind nachweislich nie zu Ihnen geliefert worden. Schließlich ist auch die Polizei davon überzeugt, dass jemand mit Ihren persönlichen Daten Missbrauch getrieben und Sie so zutiefst geschädigt hat. Identitäts- oder Persönlichkeitsdiebstahl nennt man das. Und leider ist man im Vorfeld dabei oft zu unvorsichtig gewesen, entweder mit seinen Daten oder deren Schutz.

Im digitalen Zeitalter ist das ein zunehmendes Problem. Was aber nicht heißt, dass es dieses Delikt nicht auch vor Bits und Bites gegeben hätte. Einmal wurde jemand um sein rechtmäßiges Erbe betrogen, indem sich ein anderer für ihn ausgab. Auch hier lag die Ursache unter anderem  in mangelnder Vorsicht und Weitsicht. Dass das Zusammenkommen von Müdigkeit und Hunger äußerst leichtsinnig machen kann, berichtet uns die Bibel in der Mitte des ersten Buches Mose. Der Kriminalfall, der dort geschildert wird, beginnt nämlich im Tatort Küche.

Dort sieht man Jakob hantieren, den Lieblingssohn seiner Mutter Rebekka. Eine leckere Mahlzeit aus roten Linsen kocht er gerade. Da kommt sein zweieiiger Zwilling Esau herein, müde und hungrig von schwerer Feldarbeit. Er will nur noch eins: essen und dann ausruhen. Frei nach dem Motto „ein Königreich für ein Pferd“ ist er in diesem Moment bereit, alles zu versprechen für dieses so gut riechende Essen. Tatsächlich bietet Jakob es ihm nicht umsonst an. Er verkauft es seinem Zwillingsbruder. Für das Versprechen, ihm die Rechte des Erstgeborenen abzutreten. Esau, nur wenige Minuten älter als Jakob, schwört es seinem Bruder – und vergisst diesen Zwischenfall schnell wieder. Jakob nicht. Als sein Vater Isaak alt geworden ist und kaum noch sehen kann, gibt er sich listig als sein Bruder Esau aus und bittet den Vater um den Erstgeburtssegen. Der ist nur wenig misstrauisch und fällt auf diesen Identitätsdiebstahl herein. Auf diese Weise verschafft sich der „Hinterlistige“, denn das bedeutet der Name Jakob übersetzt, die damals heiligen Vorteile des Erstgeborenen. Esau kommt zu spät hinzu und kann das nicht mehr rückgängig machen. Im Buch Genesis können Sie all das nachlesen, ab Kapitel 25.

Und nun die Frage an Sie: würden Sie diesem Identitätsdieb Jakob noch irgendetwas anvertrauen? Ich hätte es wahrscheinlich nicht getan. Gott eigenartigerweise schon. Jakob wird nach manchen Irrungen und Wirrungen der Stammvater eines ganzen Volkes und bekommt von Gott den Namen, den dieses Volk bis heute trägt: Israel. Und er wird Urahn dessen, durch den die ganze Welt gesegnet werden sollte, wie Gott es Jakob versprach: von Jesus. Gott ist unglaublich: wo wir noch darauf starren, wie jemand auf die schiefe Bahn geraten ist, sieht Gott schon längst, wieviel Segen er auch aus diesem Leben machen kann. Jesus wird es später ganz genauso machen. Seine Gnade und Liebe schenken uns mehr Identität, als man sich je stehlen könnte.

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 1. FEBRUAR 2021

Tatort Bibel – heute: Mord aus Eifersucht

Beinahe hätten sie die diamantene Hochzeit gefeiert. Aber kurz vorher teilte die 88-jährige Rheinländerin ihrem ein Jahr älteren Mann etwas mit, das ihr Todesurteil bedeutete. Ihren Lebensabend wolle sie nicht mit ihm, sondern einem anderen Mann verbringen. Der ohnehin schon jahrelang krankhaft eifersüchtige Ehemann brachte seine Frau daraufhin mit einem Hammer und einem Küchenmesser um. Vor fast genau zwei Jahren wurde der Prozess gegen ihn jedoch eingestellt, da der mittlerweile 90-Jährige gesundheitlich für eine Verhandlung zu angeschlagen war. Unglaublich, wozu Eifersucht sogar im hohen Alter führen kann!

Interessanterweise ist der allererste Todesfall der Bibel ein Mord aus Eifersucht. Und in diesem Fall richtet sich die Eifersucht nicht auf ein menschliches Gegenüber, sondern auf Gott. Dieser erste Kriminalfall der Bibel ist weltbekannt. Fast jede und jeder kennt die beteiligten Protagonisten mit Namen: Kain und Abel. Söhne von Adam und Eva. Der erstgeborene Kain betrieb Ackerbau, sein jüngerer Bruder Abel Viehzucht. Für beide war es selbstverständlich, dass sie von ihrem Arbeitsertrag erst einmal einen Teil Gott opferten. Ein solches Opfer sollte etwas davon widerspiegeln, wie man zu Gott stand. Aber schon in diesem ersten Verbrechen der Menschheit wird deutlich, dass die Beziehung zu Gott für die einen offenbar eher eine Sache der äußeren Leistung ist; so war es scheinbar bei Kain. Für die anderen dagegen, wie auch für Abel, hat das Opfer, das sie Gott bringen, nichts mit Tradition oder religiösem Verdienst-Denken zu tun. Es ist Ausdruck einer Herzenshaltung und schlichter Dankbarkeit. Folgerichtig wird im 4. Kapitel der Bibel berichtet: „Der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an“ (1. Mose 4,4+5).

Wir wissen, wie die Geschichte ausging. Trotz vorheriger Mahnung durch Gott plant Kain den Mord an seinem Bruder Abel und führt diesen Plan dann kaltblütig aus. Dass dies sein Verhältnis zu Gott nicht gerade positiver gestalten würde, hätte ihm klar sein müssen. – Dieser erste Mord wird auch nicht wegen seiner spektakulären kriminellen Energie berichtet, sondern eben vor allem wegen des Beziehungsdramas mit Gott, das dahinter steht. Denn ich glaube, dass bis in unsere Gegenwart hinein ein bestimmter Zusammenhang zu beobachten ist: der Zusammenhang zwischen einer gestörten Beziehung zu Gott und gestörten Beziehungen zwischen Menschen. Nicht in dem Sinn, dass alle menschlichen Beziehungsstörungen einen religiösen Hintergrund haben müssten. Aber nach wie vor scheint es so zu sein, dass wir nicht selten, so wie Kain es tat, das angeschlagene Gottesverhältnis auf unsere menschlichen Beziehungen projizieren. Dass wir mit Gott nicht im Reinen sind, führt häufig dazu, dass wir mit uns selbst und anderen Probleme haben.

Viel Leid würde uns im Miteinander erspart, wenn wir mit dieser Kain-Einstellung aufhören würden, es krampfhaft, aber eben vergeblich Gott recht zu machen. Wir sollten uns stattdessen einfach wie Abel von Herzen darüber freuen, dass Gott uns so gnädig ist. Nicht wegen unserer Leistungen, sondern wegen Jesus. Vielleicht hätte sogar das Ehepaar aus dem Rheinland dann noch fröhlich ihre diamantene Hochzeit gefeiert. Wer weiß …

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 30. JANUAR 2021

Das letzte Wort

Letzte Worte großer Persönlichkeiten werden gerne zitiert. Und manchmal wird ihnen mehr philosophische Tiefe verliehen, als sie es verdient haben. Berühmtestes Beispiel: die letzten Worte des Dichtergenies Johann Wolfgang von Goethe am 22. März 1832. „Mehr Licht!“, soll er laut des Arztes Carl Vogel gesagt haben. Das wäre tatsächlich ein Wort, das Stoff genug zum Nachdenken böte. Wenn man es nicht aus dem Zusammenhang gerissen hätte. Denn eingebettet in den ganzen Satz klingen Goethes letzte Worte wenig tiefsinnig: „Macht doch den zweiten Fensterladen auch auf, damit mehr Licht hereinkomme.“ Wahrscheinlich wusste Goethe gar nicht, dass dies seine letzten Worte sein würden; er hätte sich sonst wahrscheinlich etwas anderes einfallen lassen. Wie der Freiheitskämpfer Pancho Villa, der von der Bevölkerung als mexikanischer Robin Hood verehrt wurde. Als er am 20. Juli 1923 bei einem Attentat tödlich getroffen zu Boden sank, fielen ihm offenbar keine besonderen letzten Worte ein. Also hauchte er angeblich einem Anwesenden zu: „Lassen Sie es nicht so enden. Sagen Sie, dass ich etwas gesagt hätte.“

Auch die allerletzten Worte der Bibel klingen wenig dramatisch. Sie sind eine Art Grußformel wie sie ähnlich auch Paulus am Ende seiner Briefe manchmal benutzt hat: „Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen!“ (Offenbarung 22,21). So beschließt der Apostel Johannes die Offenbarung, das Buch, in dem er die atemberaubenden Visionen festgehalten hat, die Gott ihm über die Zukunft der Welt gegeben hatte. Im Hinblick auf letzte Worte sind allerdings der jeweils achte Vers der Offenbarung, von vorne und von hinten gezählt, aufschlussreicher. Beide Verse sind sehr ähnlich. In Offenbarung 22,13 sagt Jesus: „Ich bin Alpha und Omega, Erster und Letzter, Anfang und Ende.“ Damit schließt sich der Kreis mit dem Anfang der Bibel. Vor Beginn des Universums war Gott schon da und er hat auch das letzte Wort über den Kosmos. Darin eingebettet leben wir. Vergleichsweise nur ein winziges Staubkörnchen im All, das nur den Bruchteil eines Wimpernschlages lang in der Geschichte erscheint und wieder verschwindet. Eigentlich völlig unbedeutend. Aber nicht für Gott. „Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen!“ Also auch mit Ihnen und mir. Niemand soll verloren gehen. Alle sollen von der unverdienten Liebe Gottes profitieren, die er uns in Jesus Christus glasklar gezeigt hat. So unbedeutend wir uns selbst sehen mögen: in Gottes Augen sind wir ihm seinen Sohn wert. So furchtbar wir die Wirklichkeit des Todes zu Recht empfinden: nicht er ist das Ende, sondern Gott! So ausgeliefert wir uns manchmal den Mächten und Gewalten von Zeit und Raum fühlen mögen: nicht sie haben das letzte Wort, sondern Gott! Auch in der neuen Woche, die nach dem Sonntag wieder vor uns liegt. Deshalb will ich Ihnen noch einmal die – wirklich! gewichtigen – letzten Worte der Bibel als Segenswunsch mit in das Wochenende geben: „Die Gnade des Herr Jesus sei mit allen!“

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 29. JANUAR 2021

Verheißungsvoll

Ein Hobby-Angler sitzt schweigend und geduldig am Uferrand eines Flusses und hofft auf einen Fang. Ein Passant bleibt stehen und sieht ihm eine Weile zu. Man merkt, dass es in ihm arbeitet. Schließlich kann er nicht mehr an sich halten und meint zum Angler: „Ich will Ihnen wirklich nicht zu nahe treten, aber ich kann mir beim besten Willen nichts Langweiligeres vorstellen als zu angeln.“ Der Angler sieht ihn tiefenentspannt an und entgegnet nur: „Ich schon: jemandem beim Angeln zuschauen.“

Wollen Sie wissen, was – meiner Ansicht nach jedenfalls – die langweiligste Passage der ganzen Bibel ist? Die ersten neun Kapitel des ersten Chronikbuches. In meiner Luther-Bibel füllen sie fast elf Seiten ausschließlich mit Genealogien, gewissermaßen also Stammbäumen. Mit Namen von Personen, von denen ich die allerwenigsten kenne und von denen die allermeisten auch nur an dieser Stelle in der Bibel erwähnt werden. Wobei ich zugeben muss, dass ich mich auch sonst nicht besonders für Ahnenforschung und Stammbäume begeistern kann.

Womit beginnt das Neue Testament aber ausgerechnet? Mit einem Stammbaum. Dem von Jesus nämlich. Dreimal vierzehn Vorfahren von Jesus werden dort aufgezählt. Und das Erstaunlichste daran: ich finde das nicht einmal langweilig! Im allerersten Vers des ersten Evangeliums fasst Matthäus diesen Stammbaum noch einmal ganz knapp mit seinen Eckpunkten zusammen: „Dies ist das Buch der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.“ Wobei klar ist, dass natürlich weder David ein leiblicher Sohn Abrahams, noch Jesus einer von David war. Aber dadurch soll ein im wahrsten Sinn des Wortes verheißungsvoller Bogen geschlagen werden. Denn Matthäus will betonen, dass sich in Jesus zwei der wichtigsten Verheißungen des Volkes Israel erfüllen. Abraham wurde versprochen: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden“ (1. Mose 12,3). Und König David bekam von Gott zugesagt, dass er einen Nachkommen haben werde, dessen Königtum ewig dauern solle und dessen Vater Gott selbst sein wolle (1. Chronik 17,11-13).

Im ersten Vers des Neuen Testamentes will Matthäus klarmachen: das ist jetzt mit Jesus Wirklichkeit geworden. Und deshalb erzähle ich seine Geschichte. Übrigens ist Matthäus ganz allgemein davon fasziniert, dass sich im Leben von Jesus immer wieder zeigt, dass Gott offene Versprechen aus dem Alten Testament in ihm einlöst. Oft weist er in seinem Evangelium deshalb darauf hin. Am verheißungsvollsten ist aber, was gerade durch den Stammbaum von Jesus deutlich wird. Wenn man ein wenig nachliest, wer darin alles genannt wird, stößt man auf Lichtgestalten, aber auch auf viel Schatten. Gewissermaßen ist selbst die Familiengeschichte bis zu Jesus hin eine Geschichte, wo es ohne Schuld nicht abging. Dieser Stammbaum zeigt ja auch die menschliche Seite von Jesus. Und die Menschheitsgeschichte ist leider auch eine Schuldgeschichte. Und dann kam Jesus. Ein Name mit Bedeutung, wird gut 20 Verse weiter von Matthäus erzählt. Denn, so sagt er: „Er wird sein Volk retten von ihren Sünden“, befreien also von der Unausweichlichkeit ihrer Schuldgeschichte. Jesus, Jeschua, auf Deutsch: Gott rettet! Egal wie verfahren die Geschichte eines Menschen gewesen sein mag, mit Jesus wird sie vor allem eins: verheißungsvoll! Langweilig bleibt Jesus nur für die, die Zuschauer bleiben wollen.

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 28. JANUAR 2021

Versöhnung

Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Es hat sich bei den Filmschaffenden ein wenig eingeschlichen, dass sie ihren Filmen (und damit auch uns) nur noch selten ein lupenreines Happy End gönnen. Das hinterlässt beim Zuschauer ein etwas zwiespältiges Gefühl. Meine Frau jedenfalls hat dann ebenso wie ich den Eindruck, so könne die Sache doch unmöglich enden.

Apropos „Ende“: Im Film „The Best Exotic Marigold Hotel“ wird ein Satz zitiert, der vor dreißig Jahren im Buch eines brasilianischen Autors auftauchte, dann aber Oskar Wilde, John Lennon und schließlich der indischen Weisheit zugeschrieben wurde. Er lautet etwa: „Alles wird am Ende gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“

Mit dem Ende des Alten Testamentes ist es ähnlich. Der letzte Vers des Propheten Maleachi, zugleich der letzte Vers dieses ersten Bibelteiles, ist irgendwie unbefriedigend als Schlusswort. Auch da denkt man: so kann es doch nicht aufhören! Es sind Worte, die sich erst wie ein Happy End anhören und anfühlen, aber dann doch noch einen etwas bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Vom Propheten Elia ist da zunächst die Rede, den Gott ein zweites Mal schicken wird. Von ihm wird gesagt: „Er wird Eltern und Kinder wieder miteinander versöhnen, damit ich euch und euer Land nicht völlig vernichten muss, wenn ich komme“ (Maleachi 3,24).

Da bleibt offen, wie die Sache ausgehen wird. Lassen sich Eltern und Kinder denn miteinander versöhnen? Und wenn nicht: wird Gott tatsächlich alles vernichten? Das hebräische Wort für „völlige Vernichtung“ steht nicht nur irgendwie im Raum, sondern ist wirklich das allerletzte Wort des Alten Testamentes, wie wir es als Christen vorliegen haben. Kein wirklich befriedigendes Ende, oder? Das schreit förmlich nach einer Fortsetzung und Auflösung.

Etwa 400 Jahre nach Maleachi, nach 400 Jahren des prophetischen Schweigens, tritt dann Johannes der Täufer auf. Jesus sieht in ihm jenen Elia, den Gott schicken wollte. Johannes redet den Israeliten eindringlich ins Gewissen, aber letztlich scheitert sein Versöhnungsbemühen. Wieder kein Happy End. Also immer noch nicht das Ende? Nein, glücklicherweise nicht! Denn Gott beschließt, den totalen Bann, der eigentlich folgen müsste, an seinem eigenen Sohn zu vollziehen. Damit wir Erdenkinder mit dem himmlischen Vater versöhnt leben können. Ist das jetzt endlich das Happy End? Fast! Denn da ist ja noch die Sache mit der Versöhnung zwischen Kindern und Eltern. Die ist noch offen. Und steht sowieso nur symbolisch für alle Beziehungen, in denen wir untereinander leben. Gottes Happy End mit uns ist nicht schon da erreicht, wo wir uns durch Jesus mit ihm versöhnen lassen, sondern erst da, wo diese Versöhnung sich praktisch auch in unserem Umgang miteinander niederschlägt. Also frage ich mich: Wie kann ich heute konkret etwas dazu beitragen?

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 27. JANUAR 2021

Unböse

Friedel Findig war Einkaufen. Im großen Möbelhaus mit den vier gelben Buchstaben. Stolz packt er den Karton ins Auto, in dem sich die neue Kommode für das Schlafzimmer befindet. Nun ja, im Moment ähnelt das Paket diesem Möbelstück nicht einmal entfernt. Schließlich ist alles in Einzelteilen dort eingepackt und will zuhause sorgsam und möglichst richtig zusammengesetzt werden. Gut, dass es eine ausführliche Bauanleitung gibt. Die allerdings erweist sich als – nun ja, recht eigenwillig. Wenige Bebilderungen, viele Worte. Und gerade diese Worte bereiten Friedel Findig Kopfzerbrechen. Er liest Hinweise wie: „Jetzt auf keinen Fall die falschen Schrauben nehmen!“ Oder: „Setzen Sie nicht Brett A auf die Unterlage B!“ Und so geht es weiter. Ständig wird gesagt, was er nicht tun soll. Hilfreicher fände Herr Findig es allerdings, wenn man ihm genau sagen würde, was er tun soll.

Manche Menschen vergleichen die Bibel mit einer Art Betriebsanleitung für’s Leben. Aber ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass auch diese Anleitung eher Hinweise enthält, was wir nicht tun sollen? Sieben der zehn Gebote zum Beispiel sind negativ formuliert. Wäre es nicht wesentlich hilfreicher, wenn Gott uns haarklein erklären würde, was wir tun sollen, damit unser Leben gelingt?

Nachdem wir gestern den letzten Vers der ersten Hälfte des Alten Testamentes bedacht haben, sehen wir uns heute den ersten Vers der zweiten Hälfte an: Psalm 1,1. Und siehe da, – auch dort geht es verheißungsvoll los und negativ weiter: „Glücklich darf sich der nennen, der nicht dem Rat der Gottlosen folgt oder auf dem Weg der Sünder geht oder sich im Kreis derjenigen niederlässt, die keine Grenzen kennen.“ Man könnte den Anfang des alttestamentlichen Liederbuches gewissermaßen also so zusammenfassen: Wenn dein Leben gut werden soll, lebe unböse! Wobei es, meines Wissens, das Wort „unböse“ gar nicht gibt. Genauso wenig wie undumm oder unkaputt. Warum wird Gott meist nicht positiv konkreter?

Gott hat uns von Anfang an so geschaffen, dass wir denken, abwägen, entscheiden können. Er ist kein Sklaventreiber, der uns mit haargenauen Anweisungen an der ganz kurzen Leine hält. Menschen in diktatorischen Ländern erleben in der Regel eine Regierung, die ihnen ziemlich genau vorschreibt, wie sie zu leben haben. Da muss man sich nicht ständig entscheiden, lebt dafür aber in einer Art Gefängnis. Gott ist kein Diktator! Er gibt uns viel Freiraum und vertraut darauf, dass wir im konkreten Fall die richtige Entscheidung treffen, wenn wir uns nicht von fragwürdigen Leitfiguren, sondern von ihm und seinem Wort prägen lassen. Oder, wie Paulus es im Philipperbrief einmal sagte: „Orientiert euch an Jesus Christus“ (Phil. 2,5).

Wenn ich eine Kommode aufbauen muss, wünsche ich mir möglichst detaillierte Hinweise dazu. Wenn es aber um mein Leben geht, bin ich Gott sehr dankbar, dass er mir eine große Würde verliehen hat. Indem er mir eben nicht alles genau vorschreibt, sondern mir viel Entscheidungsspielraum für ein gelingendes Leben gibt, wenn er überraschend auffordert: Leb doch einfach unböse!

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 26. JANUAR 2021

Lebenssatt

Sie gehören zu den in der deutschen Sprache fast ausgestorbenen Wörtern: angängig, bloßfüßig, Eidam, gleisnerisch, Hagestolz, Malefiz, ridikül, verbollwerken und wortbeutelig. Um nur einige zu nennen. Kaum jemand benutzt sie, die wenigsten wissen noch ihre Bedeutung. Das Wort „lebenssatt“ gehört auch zum aussterbenden Wortschatz. Immerhin findet man es fünf Mal in der Lutherübersetzung des Alten Testamentes. Würde man Jugendliche nach der Bedeutung fragen, würden sie wahrscheinlich am ehesten an „lebensmüde“ denken, an Menschen also, die das Leben satt haben. Dabei meint „lebenssatt“ fast genau das Gegenteil.

Dieses schöne alte Wort steht am Ende etwa der ersten Hälfte des Alten Testamentes, im letzten Vers des äußerst poetischen und tiefsinnigen Buches Hiob: „Und Hiob starb alt und lebenssatt.“ Wörtlich übersetzt: „reich gesättigt an Tagen“. Kurz davor erfahren wir, dass Hiob so alt wurde, dass er noch Urenkel und Ururenkel erlebte. Nun könnte man achselzuckend sagen: „Ja und? Schön für Hiob!“ Wenn da nicht die Lebensgeschichte dieses Mannes wäre.

Eine Lebensgeschichte, die sprichwörtlich geworden ist. Mit Hiob verbindet man nicht nur die nach ihm benannten Hiobsbotschaften, sondern auch die Frage nach dem Leid schlechthin. Denn es ist unglaublich, was dieser Mann an Schicksalsschlägen hinnehmen musste. Und das, obwohl von ihm im ersten Vers dieses biblischen Buches gesagt wird: „Er war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse.“ Das ganze Hiob-Buch über steht die Frage im Raum: Wie kann Gott dann trotzdem all das Leid zulassen, das Hiob ertragen musste?

Spannend sind all die intelligenten und gut gemeinten Erklärungsversuche, die die Freunde von Hiob in Gesprächen vorbringen. Teils sogar sehr überzeugend! Und trotzdem: Hiob ist das alles zu einfach, zu menschlich gedacht. Keine Erklärung hilft ihm auch nur annähernd, mit seinem Leid fertig zu werden. Am Ende des Hiobbuches bleibt die Frage nach dem Sinn des Leides schließlich ebenso offen wie sie es heute immer noch ist. Und trotzdem stirbt Hiob „lebenssatt“. Das liegt sicher auch daran, dass Gott ihm am Ende mehr Segen gibt als er vorher Leid zugelassen hatte. Es lohnt sich sehr, die ganze Geschichte von Hiob zu lesen.

Das Geheimnis der Lebenssattheit Hiobs trotz seiner Leiderfahrungen hatte aber vor allem drei Gründe: zum einen gibt Hiob die Vorstellung auf, dass man sich die Segnungen Gottes mit guten Taten verdienen könne, – viele Menschen haben diese Vorstellung übrigens immer noch. Zum anderen gibt Hiob es auf, die menschlich nicht lösbare Frage nach dem Sinn des Leides beantworten zu wollen. Und schließlich entscheidet er sich, Gottes Größe und Weisheit mehr zu vertrauen als dem Augenschein. Ich glaube, dass diese Entscheidungen für Gnade von Gott, Demut vor Gott und Vertrauen in Gott nach wie vor dazu beitragen, dass ein Mensch sein Leben trotz Leid nicht satt hat, sondern es letztendlich als erfüllt empfindet, also lebenssatt, um es mit diesem wunderbaren alten Wort auszudrücken.

TAGESIMPULS MATTHÄUS, 25. JANUAR 2021

Am Anfang …

Für Eltern sind sie meist spannender als ein Hitchcock-Thriller und sie möchten sie auf keinen Fall verpassen: die ersten Worte ihres kleinen Kindes.

Kindern geht es manchmal ganz ähnlich mit ihren Eltern; denn oft klingen sie noch lange in ihren Ohren und Herzen nach: deren letzte Worte.

Erste und letzte Worte haben Gewicht. Deshalb wollen wir uns in dieser Corona-Woche mit besonderen Worten dieser Art beschäftigen: mit jeweils drei ersten und letzten Versen der Bibel. Den Anfang macht der erste Vers der Bibel überhaupt, 1. Mose 1, Vers 1: „Am Anfang erschuf Gott den Himmel und die Erde.“

Der Schöpfungsbericht, der mit diesen Worten beginnt, weist durchaus erstaunliche Parallelen mit modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen auf. Für die Zeit, in der er entstand, daher absolut ungewöhnlich. Und trotzdem haben wir in erster Linie mit ihm eine Art Glaubensbekenntnis vor Augen. Ein Glaubensbekenntnis allerdings, das ebenso ungewöhnlich für die damals üblichen religiösen Vorstellungen war.

Dass göttliche Mächte die Erde erschaffen hatten, war kein ungewöhnlicher, sondern äußerst verbreiteter religiöser Gedanke. Mit dem Himmel dagegen sah das anders aus. Er war die Sphäre der Gottheiten. Dort waren sie zuhause – und deshalb wurden Gestirnen meist göttliche Eigenschaften zugesprochen. Bis heute lebt die Astrologie von der Annahme, dass Sterne unser Schicksal entscheidend beeinflussen können. Dass der Himmel, also alle Sterne und himmlischen Mächte von dem einen Schöpfergott erst ins Leben gerufen worden sein sollten, das war ein Frontalangriff auf das, was rund um Israel, eigentlich sogar weltweit bis dahin geglaubt wurde.

Die ersten Worte der Bibel fordern übrigens bis heute heraus. Zum Beispiel indem sie deutlich machen, dass Himmel und Erde ohne Gott nicht vorstellbar sind. Dass nicht Zufall, sondern Plan hinter dem Universum – und unserem Leben steht. Dass wir nicht irgendwelchen göttlichen Schicksalsmächten ausgeliefert sind, sondern dass dieser eine Gott von Anfang an alles in der Hand gehabt hat.

Für den Apostel Johannes hatte der erste Vers der Bibel etwas überaus Tröstliches und Überwältigendes. So sehr, dass er sein eigenes Evangelium mit ähnlichen Worten beginnt – und dann deutlich macht, dass sich dieser Schöpfergott voller Liebe in Jesus zu erkennen gab. Johannes schreibt (Johannes 1,1+14): „Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. … Und das Wort wurde Mensch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“ – Diese Herrlichkeit Gottes sieht man tatsächlich am klarsten an Jesus. Aber auch der Blick durch die Linsen der Mikroskope und Teleskope lassen uns etwas von der Größe dessen erahnen, der all das im Himmel und auf Erden geschaffen hat. Und das – so wird uns gesagt – ist erst der Anfang!

Tagesimpuls Matthäus, 23. Januar 2021

Corona-Stichwort heute: Maske

Ich stehe im Supermarkt an der Kasse und werde plötzlich von jemandem an der Nachbarkasse angesprochen. Ich überlege: wer ist das eigentlich? Es dauert ein paar viel zu lange Momente, bis der Groschen fällt. Ach ja! – Aber die Maske hat das Erkennen ziemlich erschwert. Wahrscheinlich kennen Sie solche Situationen, seit wir in öffentlichen Gebäuden Mund und Nase, und damit etwa Zweidrittel unseres Gesichtes bedecken müssen.

Vor ein paar Tagen stieß ich auf das Musikvideo eines Liedes von Sefora Nelson. Das Lied kannte ich schon länger. Aber immer wenn ich es höre, spricht mich der Text und die Melodie neu an. Die Melodie, weil sie eigentlich für den Inhalt viel zu beschwingt ist, der Text, weil er mich an eine bestimmt Zeit in meinem Leben erinnert. Und an eine Erfahrung damals, die ich irgendwie nicht missen, aber auch nicht gerne noch einmal erleben möchte. Für alle, die diesen Tagesimpuls im Moment nur akustisch hören: auf unserer Homepage ist unter dem schriftlichen Impuls der Link zum Lied-Video.

Was Sefora Nelson da besingt, ist vielen von uns schon begegnet: es gibt schwierige Phasen, die uns im Leben einiges abverlangen. Und plötzlich fühlt sich alles so an, als hätte Gott sich maskiert. Wir werden unsicher, ob er es wirklich liebevoll mit uns meint. Ist der Gott, der uns gerade so viel zumutet, tatsächlich der Gott, den wir zu kennen glaubten? Wir versuchen zu beten, fühlen aber keine offenen Ohren im Himmel. Wir lesen in der Bibel, aber deren Worte bleiben stumm; wir hören Gott nicht zu uns reden wie sonst. Unser Glaube steht auf der Kippe.

Was hilft, wenn Gott scheinbar hinter einer Maske versteckt ist? Tatsächlich: Beten! Nicht so wie sonst, sondern einfach als Hilferuf. Bei Sefora Nelson klingt er so: „Zeig mir dein Gesicht wie es wirklich ist. Sag mir nochmal, wer du bist. Zeig mir, du bist da. Komm und sei mir nah. Denn ich weiß nicht mehr, wer du bist.“ Ein anderer Sänger und Komponist hat ähnliche Erfahrungen sehr beeindruckend schon vor dreitausend Jahren in einem Lied festgehalten. Und auch er trifft in seinen Zweifeln dort die Entscheidung: Ich will all das einfach vor Gott ausschreien. Es ist einer meiner Lieblingspsalmen. Zu lang, um ihn hier wiederzugeben. Aber wert, gelesen zu werden: Psalm 73.

Die Melodie dieses alten Liedes kenne ich nicht, aber die von Sefora Nelsons Lied. Wie gesagt: eigentlich zu fröhlich für den Text. Aber dadurch voller Hoffnung, dass Gott uns auch mitten in unseren Zweifeln nicht hängen lässt: „Zeig mir dein Gesicht wie es wirklich ist!“ An einer Stelle hat Gott das auf jeden Fall getan: in Jesus, am Kreuz. Deshalb suche ich ihn genau dort, wenn ich ihn anderswo nicht erkennen kann. Und was ich da sehe, ist vor allem eins: Liebe!

Und hier ist der Link zum Lied von Sefora Nelson:

Tagesimpuls Matthäus, 22. Januar 2021

Corona-Stichwort heute: Impfstoff

Es ist ein ganz besonderer Stoff, der die Hoffnung beflügelt, die Corona-Epidemie möglichst bald zu überwinden. Wer ihn bekommt, wird weitgehend unanfällig für den Virus, der weltweit das Leben durcheinander gebracht hat.

Zwei Dinge sind dafür jedoch Voraussetzung: erstens sich mit diesem Stoff auch tatsächlich impfen zu lassen, und zweitens das nicht nur einmal, sondern im Laufe der nächsten Jahre wahrscheinlich mehrmals wiederholen zu müssen. Wie bei der Grippeimpfung.

Wahrscheinlich unter dem Eindruck der Corona-Folgen hat Papst Franziskus Ende April letzten Jahres von einem besonderen Impfstoff gesprochen. Es sei der beste Impfstoff gegen eine ganz andere Art von Virus und Pandemie, nämlich gegen Selbstbezogenheit.

Auch dieser Impfstoff, das ist jedenfalls meine Erfahrung, wirkt dauerhaft nur dann, wenn man ihn immer wieder nutzt. Dann aber kann er zu wirklich weitreichenden Veränderungen führen, die uns und andere schützen. Papst Franziskus meinte mit diesem besonderen Serum die Bibel.

Wer sich mit diesem alten Buch beschäftigt und hinter den etwas angestaubten Worten die unglaubliche Aktualität entdeckt, bekommt die Kraft des Wortes Gottes zu spüren. Eine Kraft, die unsagbar tröstet, unbequem herausfordert, unerwartet bewegt und unglaublich ermutigt. Wer die Bibel ernst nimmt, stößt auf Fragen, die er vorher gar nicht hatte, und auf Antworten, die er schon lange gesucht hat. Die, die mit offenem Herzen auf ihre Worte hören, finden Orientierung in unübersichtlicher Zeit und Halt in unsicheren Lebenslagen.

All das verändert diejenigen, die sich diesem besonderen Impfstoff aussetzen, von dem Papst Franziskus sprach. Weil sie der Liebe und Güte Gottes überall in diesem Wort begegnen und so immer mehr immunisiert werden gegen Lieblosigkeit und Selbstbezogenheit.

Wem das alles jetzt viel zu übertrieben vorgekommen ist, der gehört wahrscheinlich zu den biblischen „Impfgegnern“ und hat sich möglicherweise noch nie ernsthaft und offen mit diesem Buch beschäftigt. Dann wäre es jetzt einmal an der Zeit, diesen Impfstoff einem Selbsttest zu unterziehen und abzuwarten, was er bewirkt. Aber, wie gesagt: einmal lesen reicht nicht. Viele sind der Meinung: eine tägliche Dosis wirkt wahre Wunder! Das Beste daran: wahrscheinlich haben Sie diesen Impfstoff längst zu Hause, und er ist auch gar nicht kompliziert in der Anwendung!

Tagesimpuls Matthäus, 21. Januar 2021

Corona-Stichwort heute: Lockdown

„Ein Lockdown ist im ursprünglichen Sinne des Wortes eine Ausgangssperre oder auch eine Absperrung bzw. Versiegelung von Gebäuden und Bereichen.“ So die Definition im Gabler Wirtschaftslexikon. Ziel so einer Maßnahme: von draußen soll niemand hinein- oder von drinnen niemand herauskommen.

Die Geschichte des Lockdowns beginnt natürlich nicht mit der Covid19-Pandemie. Bereits vor gut 100 Jahren verordnete die damalige US-Regierung in den Vereinigten Staaten während der Spanischen Grippe ganz ähnliche Maßnahmen, wie wir sie gerade erleben. Aber die Lockdown-Historie reicht noch viel weiter zurück. Sehr viel weiter.

Wann der erste Lockdown genau stattfand, wissen wir nicht. Allerdings wird erzählt, dass es der erste Lockdown war und dass damals ebenfalls die gesamte Menschheit davon betroffen war. Und da dieser Lockdown nie aufgehoben wurde, leiden wir heute noch darunter. Wahrscheinlich ahnen Sie längst, was gemeint ist. „Und er verwies die Menschen. Östlich vom Garten Eden postierte er Cherubim und das flammende Schwert, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen“ (1. Mose 3,24). So beschreibt die Bibel die erste Menschheits-Katastrophe, das Ende der paradiesischen Zeiten. Seitdem ist der Garten Eden, das Paradies, Sperrzone, abgeriegelt. Der erste und weitreichendste Lockdown der Weltgeschichte.

Weitreichend nicht nur deshalb, weil das Paradies für uns nach wie vor Sperrgebiet ist. Auf den ersten Seiten der Bibel wird mit großer Weisheit erzählt, welche Folgen das Misstrauensvotum des Menschen (vertreten durch Adam und Eva) gegen Gott hatte. Nicht nur die offenherzige Beziehung zu Gott ging dadurch weitgehend verloren. Jenseits von Eden, außerhalb der streng bewachten Lockdown-Zone, bekam das menschliche Leben einen fatalen roten Faden. Dieser Faden läuft durch die gesamte Geschichte und lässt kein einziges Leben aus: das Leid! Nachlesen kann man das alles in diesem dritten Kapitel der Bibel. Kinder bekommen ist nicht nur mit Freude, sondern plötzlich auch mit Schmerz verbunden. Partnerschaft zwischen Mann und Frau wird kompliziert durch Abhängigkeiten und Machtspiele. Arbeit ist nicht mehr ein erfüllendes Spiegelbild von Gottes Schöpferfreude, sondern gerät zur mühsamen Quälerei. Und das Schlimmste: der Tod hält Einzug ins Leben und gibt ihm von Anfang an einen bitteren Beigeschmack. Am Anfang stand das Misstrauen gegenüber den liebevollen Absichten Gottes, am Ende steht der Tod. Und eben der Lockdown des Paradieses für uns.

Bis jener andere Lockdown passierte. Nachdem Jesus gekreuzigt und in ein Felsengrab gelegt worden war. Auch dieses Grab wurde abgeriegelt. Mit Wachen gesichert und versiegelt, wie man im Matthäus-Evangelium erfährt (Matth. 27,65+66). Aber einen Tag später war dieser Lockdown des Lebens vorbei. Der Stein war weg, das Grab war leer, Jesus hatte den Tod besiegt. Nicht nur seinen eigenen Tod, auch unseren. Seitdem ist die Öffnung dieses leeren Grabes die offene Tür zum verloren gegangenen Paradies. Wie wir das vielleicht sogar beim Corona-Weihnachtsfest gesungen haben: „Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis, der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis.“ Denn Jesus ist das Ende des allerersten und furchtbarsten Lockdowns überhaupt.

Tagesimpuls Matthäus, 20. Januar 2021

Corona-Stichwort heute: Abstand

Wahrscheinlich ist das erste A der AHA-Regeln nach wie vor eine der wirksamsten Schutz-Maßnahmen gegen eine Infektion: Abstand halten. Wobei man an Supermarktkassen zwei völlig gegensätzliche Beobachtungen machen kann. Es einerseits unglaublich, mit wie giftigen, fast tödlichen Blicken man manchmal bedacht wird, wenn man es wagt, dem Vordermann oder der Vorderfrau versehentlich ein wenig zu nah zu kommen. Dass man die 90-Zentimeter-Zone geringfügig unterschritten hat, ist offensichtlich – wenn man diesen Blicken Glauben schenken kann – geradezu eine Todsünde. Seltsam ist andererseits nur, dass es manchmal dieselben Menschen sind, die ebenso empört reagieren, wenn jemand ihren eigenen Atem im Nacken spürt und sie darauf kritisch anspricht. Abstand ist scheinbar vor allem da wichtig, wo man Sorge um die eigene Gesundheit hat.

Ganz besonders krass erlebten das in biblischen Zeiten Menschen, die am sogenannten „Aussatz“ erkrankt waren. Ob es sich dabei um die Krankheit handelte, die wir heute als Lepra kennen oder eine andere auffällige und vielleicht ansteckende Hauterkrankung, weiß man nicht genau. Fakt ist aber, dass die Gesellschaft zu ihnen auf Abstand ging, eben aus Sorge um die eigene Gesundheit. Teilweise lebten daher ganze Gruppen von Aussätzigen in sicherem Abstand zu den Gesunden außerhalb der Ortschaften und wurden dort versorgt. Aber selbst dabei blieben Familienangehörige, die beispielsweise Essen brachten, ängstlich auf Distanz.

Im achten Kapitel des Matthäusevangeliums erzählt der Evangelist eine Begebenheit, die man sich sehr plastisch vorstellen kann. Jesus hat gerade seine Bergpredigt beendet und ist mit einer Menge Zuhörer unterwegs ins Tal. Plötzlich kommt ein Aussätziger auf Jesus zu. Ich sehe geradezu, wie die Menge auseinander rennt, damit dieser Mann bloß niemandem zu nah kommt. Und so gelangt der völlig unbedrängt zu Jesus, der seelenruhig stehen bleibt. Der Kranke wirft sich vor Jesus in den Staub und sagt: „Wenn du willst, Herr, kannst du mich von meiner Krankheit reinigen.“ Die Jünger von Jesus bekommen in diesem Moment wahrscheinlich innerlich zuviel und denken bloß: Der Meister will doch wohl nicht, nein, er kann doch unmöglich … Doch, er kann und will, nämlich diesen kranken Mann nicht nur so dicht an sich heranlassen, sondern auch berühren. Er legt seine Hand auf ihn und heilt ihn. Die Jünger atmen wahrscheinlich auf: noch mal gut gegangen. Warum muss Jesus ihnen einen solchen Schrecken einjagen?

Immer wieder tut Jesus so etwas und missachtet alle gesellschaftlichen Abstandsregeln. Nicht nur zu Aussätzigen, auch zu anderen, auf die man auf Abstand ging: Zolleinnehmer, Prostituierte und überhaupt Menschen mit zweifelhaftem Lebensstil in den Augen der Frommen. Jesus kannte keine Berührungsängste. Er sah – und sieht – in Menschen nicht vor allem das, was sie aktuell sind, sondern das, was sie mit seiner Hilfe sein können.

Von Sünde wird in der Bibel berichtet wie von einer Pandemie: sie ist eine tödliche Krankheit, von der alle Menschen angesteckt sind. Jesus ist der Beweis in Person, dass Gott deswegen nicht auf Abstand zu uns geht, sondern im Gegenteil unsere Nähe sucht, Mensch wird, um uns von dieser verheerenden Infektion zu befreien. So gefährlich Nähe untereinander in Corona-Zeiten sein kann, so wunderbar und heilsam ist Gottes Nähe zu uns. Die Missachtung der Abstands-Regel durch Jesus lasse ich mir gerne gefallen!

Tagesimpuls Matthäus, 19. Januar 2021

Corona-Stichwort heute: Virologen

Wer kannte vor gut einem Jahr Hendrik Streek, Christian Drosten, Melanie Brinkmann, Merylyn Addo, Jonas Schmidt-Chanasit oder Alexander Kukulé? Kaum jemand. Doch eine Ärzte-Spezies, die bis dahin ein eher unbeachtetes Nischendasein geführt hatte, wurde von der Covid19-Pandemie dann plötzlich in den Fokus gerückt: die Virologen. Kaum eine Nachrichtensendung oder eine Talkrunde im Fernsehen, wo nicht irgendein Mitglied dieser medizinischen Fachrichtung als Gast zu sehen und hören war. In wenigen Wochen waren aus den Virologen mediale Stars geworden.

Stars ihrer Zunft, die sich in ihren Expertenmeinungen leider längst nicht immer einig sind. Das ist einer der vielen Gründe, die in diesen Zeiten zur Verunsicherung der Bevölkerung beitragen. Ebenso wie die manchmal ja wirklich sehr inkonsequent umgesetzten Leitlinien, die in den Ministerpräsidentenrunden mit der Kanzlerin verabredet werden. Das alles ergibt ein so uneinheitliches Bild, dass die verständliche, klare Linie fehlt, die wir als Gesellschaft momentan dringend brauchen. Und so stolpern wir letztlich einigermaßen orientierungslos durch die Corona-Krise. Was nicht heißen soll, dass alle Verantwortlichen nicht subjektiv ihr Bestes geben.

Das Bild, das wir als Christen offensichtlich zunehmend in unserer Gesellschaft abgeben, sieht ähnlich aus. Da ist – schon seit Jahrhunderten – in vielen Fragen wenig Einheit, obwohl doch alle betonen, für die gleiche Sache einzutreten. Und es mehren sich schon Unkenrufe, dass das Christentum dort verschwinden könnte, wo die Virologen gerade herkommen: in einem Nischendasein. Das wäre sehr bedauerlich. Denn auch ohne Corona-Krise leiden viele Menschen an zunehmendem Orientierungsverlust in einer immer unüberschaubarer werdenden Welt. Und eigentlich könnten Christen überzeugend und einstimmig auf den hinweisen, den sie selbst als stabiles Lebensfundament kennen: Jesus Christus. „Denn niemand kann ein anderes (besseres) Fundament legen“, sagt Paulus im ersten Korintherbrief (1. Kor. 3,11).

Statt aber den Fokus auf dieses gemeinsame Fundament zu legen, werden von den Konfessionen, Denominationen und theologischen Fraktionen, in die sich die Christenheit zersplittert hat, eher die Unterschiede betont. Kein Wunder, dass dieses uneinheitliche Bild diejenigen verunsichert, die eigentlich einen sicheren Halt für ihr Leben suchen. Als hätte Jesus dieses Szenario schon vor Augen gehabt, betete er einmal: „Ich bitte aber nicht nur für meine Jünger, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, dass sie alle einig sind, … damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (Johannes 17,20+21).

Es ist höchste Zeit, im Sinn von diesem Gebet umzudenken, das Jesus so wichtig war. Es reicht, wenn Virologen untereinander uneins sind. Als Christen müssen wir uns wirklich nicht an ihnen, sondern an Jesus orientieren. Sonst finden wir uns vielleicht tatsächlich über kurz oder lang in einer Nische wieder, aus der uns kein Virus heraushilft.

Tagesimpuls Matthäus, 18. Januar 2021

Corona-Stichworte, heute: Homeoffice

In der Regel schlafen wir durchschnittlich meist keine acht Stunden. Inklusive Hin- und Rückfahrt zur Arbeitsstelle entfallen etwa neun Stunden werktags auf unsere berufliche Tätigkeit. Der Rest des Tages wird zwischen Familie, Haushalt, Freizeitbeschäftigungen usw. aufgeteilt. Den größten Teil des Tages verbringen die meisten also am Arbeitsplatz.

Und dann kam Corona. Und mit Corona ein völlig unerwarteter Boom: unglaublich viele Menschen durften plötzlich von ihrer Wohnung aus arbeiten, wo immer das ging. Homeoffice! Was aber zunächst wie eine der wenigen positiven Nebenwirkungen der Pandemie aussah, erwies sich als Münze mit zwei Seiten. Einerseits war es toll, ganz flexibel zuhause arbeiten zu können. Andererseits war das Zuhause nun nicht mehr einfach zuhause, sondern gleichzeitig auch Büro bzw. Arbeitsplatz. Konnte man bisher Berufs- und Privatleben gut trennen, war das plötzlich nicht mehr möglich. Insbesondere Familien mit schulpflichtigen Kindern litten und leiden darunter. Denn auch die Kinder haben ja nun bereits mehrfach ihre Erfahrungen mit dem Arbeiten zuhause gemacht. Heißt bei ihnen natürlich nicht Homeoffice, sondern Homeschooling. Und so stolpert im Homeoffice und Homeschooling in der Wohnung einer über den anderen. Und Begegnungsbeschränkungen verschärfen das Ganze noch.

Von Ruhe keine Spur mehr. Waren die eigenen vier Wände früher so etwas wie ein Fluchtort, auch vor der Arbeit, würde man jetzt manchmal gerne aus der Wohnung in seine Firma flüchten. Das ist eine bittere Kehrseite von Homeoffice. Denn gerade das Wort „Zuhause“ hat eigentlich einen wunderbaren Klang in unseren Ohren. Vielleicht auch deshalb, weil wir in uns eine große Sehnsucht nach einem Zuhause tragen, in dem wir wirklich ganz und gar zur Ruhe kommen.

Dass diese Sehnsucht kein modernes Phänomen ist, zeigt ein Blick in den Hebräerbrief. Vom Textzusammenhang her war es schon damals so, dass das Volk Israel zwar scheinbar sein Zuhause im gelobten Land gefunden hatte, aber innerlich nach wie vor ruhelos war. Der Verfasser dieses Briefes schreibt bereits vor fast 2.000 Jahren (Hebräer 4,9+10): „Gottes Volk erwartet bis heute die Zeit der Ruhe, den wahren Sabbat. Wer zu dieser Ruhe gefunden hat, wird von aller seiner Arbeit ausruhen können, so wie Gott am siebten Schöpfungstag von seinen Werken ruhte.“

Das klingt für unsere Ohren etwas eigenartig. Im Grunde geht aber einfach darum, dass wir Menschen alle auf der Suche nach dem verlorenen Zuhause sind, nicht erst seit wir ein Stück Zuhause durch das Homeoffice entbehren müssen. Zu dieser besonderen Ruhe, die man nur dann hat, wenn nicht nur unser Körper, sondern auch unsere Seele ein Zuhause gefunden hat, kommt man eigentlich nur in Beziehungen. Menschen, die einander lieben, empfinden den geliebten Menschen als ihr Zuhause. Und tragen trotzdem immer noch eine gewisse Unrast mit sich. In der Beziehung zu Gott finden wir die Seelen-Ruhe, die kein Mensch uns letztlich geben kann. Übrigens schon hier auf dieser Erde. Erst recht aber nach diesem Leben. Denn wer bei Gott zur Ruhe gefunden hat, stirbt nicht einfach, sondern geht zu ihm, nach Hause. Das sind wirklich gute Aussichten, nicht nur für Homeoffice-Betroffene.

Tagesimpuls Matthäus, 16. Januar 2021

Angebot ohne Nachfrage

Es gibt im 5. Buch Mose einen ganz interessanten Textabschnitt, den ich mit etwas moderneren Worten wiedergeben möchte. Dort heißt es (5. Mose 6,20-25): „Wenn eure Kinder euch einmal fragen: Was sollen eigentlich all diese Berichte, Vorschriften und Gebote, die Gott euch in seinem Wort gegeben hat? Dann antwortet ihnen: Als wir in Ägypten versklavt waren, hat Gott uns machtvoll daraus befreit. Er überzog das ganze Land, auch den Pharao mit seiner Familie, mit Plagen, für das Land Ägypten schreckliche Zeichen, in unseren Augen Wunder Gottes. Und wie er es schon unseren Urvätern geschworen hatte, brachte er uns dann von dort in dieses Land. Eins hat Gott uns dabei ans Herz gelegt, damit es uns so gut geht, wie wir es heute erleben: wir sollen ihn dadurch ehren, dass wir seine Vorschriften befolgen. Wenn wir all das täten, würden wir genau so leben, wie es Gott gut findet.“

Ein langer Bibeltext heute einmal im Tagesimpuls, und das gleich am Anfang! Zwei Dinge fallen daran auf. Wenn man den Schluss noch im Ohr hat, könnte man meinen: Unser Leben ist dann vor Gott in Ordnung, wenn wir möglichst penibel seine Anordnungen beachten, die wir in der Bibel nachlesen können. Da drängt sich sofort die Frage auf: wer kann das schon?! Wenn das die Voraussetzung ist, in Gottes Augen OK zu sein, bleiben wir alle weit unter Gottes Maßstab. Die Antwort, die Eltern ihren Kindern geben sollen, um ihnen zu erklären, was all die Gebote Gottes eigentlich sollen, beginnt aber ganz anders. Es wird nicht gesagt, was wir für Gott tun sollen, sondern was Gott für uns getan hat. Für Israeliten damals war es die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei, für uns als Christen ist es die Befreiung aus der Sklaverei der Sünde. Diese Parallele wird mehrfach im Neuen Testament gezogen. Am Anfang steht, was Gott aus Liebe für uns getan hat. Die eine Sklaverei soll nicht durch eine andere ersetzt werden. Gott möchte, dass es uns gut geht, dass wir frei sind. Auch frei, ihm zu vertrauen, dass seine Vorstellungen für unser Leben besser sind als unsere eigenen. Durch so ein Vertrauen ehren wir Gott.

Das ist also das eine, um das es geht. Die Antwort, die Eltern ihren Kindern geben sollen. Und die kann ich eigentlich sehr gut nachvollziehen. Das ist gewissermaßen das Erklärungs-Angebot für die nächste Generation. Irritierend ist allerdings, dass hier mit großer Selbstverständlichkeit davon ausgegangen wird, dass unsere Kinder uns nach diesem vertrauensvollen Lebensstil im Respekt vor Gottes Wort fragen. Passiert das eigentlich noch? Wer fragt heute überhaupt noch nach Gott, Glauben und Bibel? Wenn wir als Christen nicht mehr auf unseren alternativen Lebensstil angesprochen werden, woran liegt das? Eine von Gottes Wort inspirierte Lebenshaltung ist weithin in unserer Gesellschaft wortwörtlich nicht mehr gefragt. Christen beklagen das manchmal, bis hin zur Mutmaßung, dass das christliche Abendland untergehe und das Land der Reformation immer gottloser werde.

Könnte es aber sein, dass das Problem weniger die anderen sind, sondern eher die Christen? Dass deren Leben mittlerweile so wenig von Gottes guten Ideen für unser Leben geprägt ist, dass weder die eigenen Kinder noch andere danach fragen? Dann würden wir als Christen selbst einen großen Anteil daran haben, wenn die beste Botschaft der Welt zu einem Angebot ohne Nachfrage wird. Ganz abgesehen davon, dass wir uns selbst um das bestmögliche Leben betrügen.

Tagesimpuls Matthäus, 15. Januar 2021

Geteilte Freude …

Ein golfbegeisterter Pastor in Florida möchte sich einmal ein freies Wochenende gönnen. Also meldet er sich krank. Ein Kollege übernimmt den Gottesdienst für ihn. Klammheimlich fährt der Pastor am Sonntag noch vor Sonnenaufgang los, fast 200 Kilometer weit bis zu einem Golfplatz, an dem sicher kein Gemeindeglied ihn zufällig treffen wird. Tatsächlich ist er am Sonntagmorgen ganz allein dort. Scheinbar sind alle anderen Golfer noch irgendwo im Gottesdienst. Er packt seine Golftasche aus, zahlt die Gebühr für eine 18er-Runde und holt zum ersten Abschlag aus. Im Himmel sieht Petrus diesem Treiben kopfschüttelnd zu. Gott beruhigt ihn und sagt: „Lass mich nur machen!“ Der Pastor schlägt eine Spielbahn nach der anderen in persönlichem Rekord. Nie hat er einen Golfparcours auch nur annähernd mit so wenigen Schlägen bewältigt. Petrus bekommt vor Ärger einen hochroten Kopf und beschwert sich bei Gott: „Warum hast du diesen pflichtvergessenen Kerl nun auch noch die Runde seines Lebens spielen lassen?“ „Lass nur“, meint Gott, „was glaubst, wie es ihn wurmen wird, niemandem davon erzählen zu können!“

Eine der bittersten Freuden ist die, die man mit niemandem teilen kann. Vor allem, wenn man selbst daran schuld ist. Umgekehrt ist es aber ungeheuer erfüllend, wenn man zum Beispiel einen wunderbaren Film gemeinsam sieht, einen herrlichen Sonnenuntergang zusammen erlebt oder einen außergewöhnlichen Urlaub miteinander verbringt und dann darüber redet und die Erinnerungen daran teilt.

Ähnlich ist es mit dem Lesen der Bibel. Es ist sicher nicht bitter, wenn man das allein tut. Denn in der persönlichen Stille kann Gott auch sehr persönlich mit uns reden. Aber es ist bitter, wenn man es sich grundsätzlich nicht gönnt, Gottes Wort mit anderen zu teilen. Weil uns dann viel von dem vorenthalten bleibt, womit Gott uns eigentlich bereichern möchte. Im Brief an die Gemeinde in Philippi drückt Paulus gleich am Anfang seine Dankbarkeit für die Christen dort aus. Und er bringt dabei einen besonderen Dankbarkeits-Aspekt ins Spiel: „Ich danke meinem Gott, sooft ich euer gedenke, für eure Gemeinschaft am Evangelium vom ersten Tage an bis heute“ (Philipper 1,3+5). Dass Paulus die gute Nachricht von Jesus Christus nicht für sich allein behalten muss, sondern mit den Christen in Philippi teilen kann, erfüllt ihn mit großer Freude.

Wieviel weiter wird mein Horizont, wenn ich nicht auf meine eigenen Erkenntnisse aus Gottes Wort beschränkt bleibe. Wieviel tiefer wird mein Verständnis von Gott, wenn ich es von anderen korrigieren und ergänzen lasse. Wieviel größer wird das Staunen über Jesus, wenn ich höre, wie auch andere ihn in ihrem Alltag erleben. Wieviel kraftvoller wird mein Glaube, wenn ich sogar mit meinen Zweifeln durch diese „Gemeinschaft am Evangelium“ getragen werde.

Darum möchte ich nicht auf diese Gemeinschaft verzichten, weder im Gottesdienst noch in unseren Hauskreisen rund um die Bibel. Und darum wünsche ich mir sehr, dass wir beides möglichst bald wieder ganz normal erleben können. Denn geteilte Freude, auch an Gottes Wort, ist doppelte Freude.

Tagesimpuls Matthäus, 14. Januar 2021

Unwiderstehlich!

Als die Mauer von diesem Foto gebaut wurde, wirkte sie sicherlich sehr massiv. Mit reiner menschlicher Kraft kaum einzureißen. Aber in einem kleinen Riss in dieser Mauer oder vielleicht auch einfach direkt hinter ihr nistete sich ein winziger Baum-Samen ein. Niemand bemerkte es. Niemand verhinderte es. Niemanden störte das zunächst. Aber dieser Same schlug Wurzeln, trieb aus und wuchs langsam, aber kontinuierlich. Der kleine, putzige Baum, der daraus wurde, beanspruchte nach und nach immer mehr Platz – und trieb irgendwann die Steine dieser so massiven Mauer unwiderstehlich auseinander.

Ein ähnliches Bild wird im Alten Testament benutzt, um deutlich zu machen, welche Sprengkraft Gottes Wort hat. In Jesaja 55 lässt Gott durch den Propheten Jesaja sagen: „Wenn Regen oder Schnee vom Himmel fällt, kehrt er nicht wieder dorthin zurück, ohne dass er etwas bewirkt: Er durchfeuchtet die Erde und macht sie fruchtbar, sodass sie Korn für das tägliche Brot hervorbringt und Saatgut für eine neue Ernte. Genauso ist es mit dem Wort, das ich spreche: Es kehrt nicht unverrichteter Dinge zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und führt aus, was ich ihm auftrage“ (Jes. 55,10+11). Unwiderstehlich!

So war es schon am Anfang der Schöpfung: Gott spricht – und es geschieht! Auch wenn die Bibel ganz sicher von Menschen geschrieben und formuliert wurde, auch wenn sie hier und da scheinbar Widersprüche enthält, auch wenn sich heute einzelne Aussagen ziemlich überholt anhören: Gott spricht nach wie vor durch dieses Buch. Daher bin ich davon überzeugt, dass die Bibel das zwar meistgedruckte, verkaufte, verschenkte, gelesene, aber auch meistunterschätzte Buch der Welt ist.

Ich erlebe es persönlich ja immer wieder, wie Gott es schafft, mich durch sein Wort wachzurütteln und zu hinterfragen. Und an entscheidenden Stellen in meinem Leben habe ich erfahren, wie ein einziger Vers der Bibel es schaffte, mein zu der Zeit ziemlich aufgewühltes Herz wie durch ein Wunder ruhig zu machen. Erklären kann ich die Kraft des Wortes Gottes nicht wirklich, aber ich erlebe sie.

Und immer wieder kann man Berichte lesen, was sie bewirkt. Wie hartgesottene Verbrecher, die von allen als hoffnungslose Fälle abgeschrieben wurden, angefangen haben, in der Bibel zu lesen – und dadurch von Grund auf verändert wurden. Wie ein vielbeschäftigter Geschäftsmann bei einem Krankenhausaufenthalt auf eine Bibel der Gideons im Nachtschrank stieß, aus Langeweile darin blätterte, von diesen Worten gefesselt wurde – und sein Leben umkrempelte. Wie Eheleute, die schon die Scheidung eingereicht hatten und längst getrennt wohnten, unabhängig voneinander die Bibel entdeckten und dies zur Initialzündung für sie wurde, es noch einmal miteinander zu versuchen.

Gottes Wort ist unwiderstehlich in seiner verändernden Kraft. Weil Gott selbst dahinter steht. Diese Kraftquelle nicht zu nutzen wäre so töricht, als würden wir ein Auto mit leerem Tank permanent schieben, obwohl wir es einfach an der Tankstelle auftanken und dann mit ganz neuer Energie fahren könnten.

Tagesimpuls Matthäus, 13. Januar 2021

Dann tu’s doch!

Das Thema dieser Woche ist das Thema der weltweiten Allianzgebetswoche: „Lebenselixier Bibel“. Wie geht es Ihnen mit der Bibel? Gehören Sie auch zu denjenigen, die so ihre Schwierigkeiten damit haben? Vielleicht weil sie meinen, vieles darin nicht zu verstehen.

Mark Twain, der bekannte scharfzüngige und scharfsinnige amerikanische Schriftsteller, hat sich viel mit der Bibel beschäftigt. Er kommt dabei zu folgendem Schluss: „Die meisten Menschen haben Schwierigkeiten mit den Bibelstellen, die sie nicht verstehen. Ich für meinen Teil muss zugeben, dass mich gerade diejenigen Bibelstellen beunruhigen, die ich verstehe.“

Ein Beispiel: Bernd ist seit gerade erst vier Wochen Auszubildender in einer Tischlerei. Gemeinsam mit dem Gesellen Gerd soll er Schubladen passgenau für eine Kommode zimmern. Als der Meister sich die Ergebnisse der beiden ansieht, lobt er Bernd, der sich wirklich bemüht hat, obwohl seine Schubladen eher misslungen aussehen. Gerd dagegen bekommt eine Standpauke zu hören. „Warum denn“, will er vom Meister wissen, „Bernds Schubladen sehen doch genauso aus wie meine!“ „Eben“, antwortet der Chef, „aber Bernd hat es noch nicht besser gewusst, du schon, aber du hast trotzdem schlampig gearbeitet.“

Nicht nur Adel, auch Wissen verpflichtet. Was ich von der Bibel verstehe, fordert mich heraus. Nicht nur zum inneren Nicken, sondern zum richtigen Handeln. Das macht den Umgang mit Gottes Wort manchmal so unbequem, dass offensichtlich viele es einfacher finden, sich erst gar nicht mit der Bibel zu beschäftigen.

Der Schriftgelehrte, von dem wir vorgestern bereits gehört hatten, kannte sich in der Bibel gut aus. Er wusste genau: was vor Gott zählt, ist Liebe, Gott und dem Nächsten gegenüber. Und an dieser Stelle tut er plötzlich unwissend: „Wer ist denn mein Nächster?“ Daraufhin erzählt Jesus die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Und am Ende fragt er den Bibelfachmann: „Welcher von diesen dreien ist deiner Meinung nach nun der Nächste dem gewesen, der unter die Räuber gefallen ist?“ Der Schriftgelehrte antwortete: „Der, der ihm gegenüber Barmherzigkeit geübt hat.“ Da sprach Jesus zu ihm: „Dann geh du hin und handle ebenso!“ (Luk. 10,36+37)

Die Worte der Bibel können die Welt verändern – und haben das an vielen Stellen auch getan. Dazu müssen sie zwei wichtige Wegstrecken zurücklegen: von den Ohren oder den Augen in unser Herz, aber dann auch von unserem Herz in unsere Hände und Füße, in unseren Lebensalltag hinein. Das ist die Herausforderung, die so beunruhigend sein kann. Das ist die Wegstrecke des Wortes Gottes, an der es auch in meinem Leben am ehesten stecken und damit letztlich wirkungslos bleibt. Weil ich vielleicht zu ängstlich, zu bequem oder zu egoistisch bin.

Deshalb trifft mich der letzte Satz, den Jesus diesem Schriftgelehrten sagt, auch: „Wenn du schon erkannt hast, was das Richtige ist, dann tu’s doch auch!“ Wie gesagt: die schwierigsten Bibelstellen sind gerade die, die wir verstehen!

Tagesimpuls Matthäus, 12. Januar 2021

Das kann ja jeder behaupten!

Wussten Sie, dass blinde Menschen viermal häufiger Albträume haben als Menschen mit normaler Sehkraft? Das glauben Sie nicht? Sie meinen: das kann ja jeder behaupten! Aber wie bekommen Sie heraus, ob diese Behauptung stimmt oder nicht? Genau: Sie recherchieren, in Fachbüchern vielleicht, wahrscheinlich aber im Internet. Und werden feststellen: es stimmt tatsächlich, nachgewiesen in einer dänischen Studie aus dem Jahr 2014.

Eine völlig unglaubliche Behauptung war zur Zeit des Apostels Paulus auch für die allermeisten Menschen, dass Jesus Christus von den Toten auferstanden sei. Ganz besonders Juden hielten das für skandalös und reagierten darauf extrem gereizt. So erlebte Paulus das mit seinem Begleiter Silas zum Beispiel in der griechischen Metropole Thessalonich. Also zogen sie weiter gen Westen nach Beröa und gingen auch dort mit der Auferstehungsbotschaft in die dortige Synagoge. In Apostelgeschichte 17, Vers 11 lesen wir dann folgendes: „In Beröa waren die Juden aufgeschlossener als in Thessalonich. Sie nahmen die Botschaft mit großer Bereitwilligkeit auf. Täglich überprüften sie an den Heiligen Schriften, ob das, was Paulus sagte, auch stimmte.“

Denn das kann ja jeder behaupten, dass Jesus auferstanden ist. In den Ohren von Abermillionen klingt das nach wie vor völlig unglaublich. Was mich wundert ist, dass die meisten Menschen es heute anders machen als die Juden in Beröa. Sie prüfen diese unglaubliche Behauptung von der Auferstehung nicht, sondern gehen völlig unkritisch einfach davon aus, dass so etwas nicht sein kann.

Wie kann man herausfinden, ob diese Behauptung stimmt? Die Menschen in Beröa befragten die „Heiligen Schriften“, also gewissermaßen das Alte Testament. Die hatten sich für sie bewährt und waren vertrauenswürdig. Je mehr sie nachforschten, umso wahrscheinlich wurde es für sie offenbar, dass Jesus der Messias und seine Auferstehung sehr wahrscheinlich war. Auf jeden Fall heißt es, dass viele zum Glauben an Jesus fanden. Waren das lauter arme Naive? Nein, ausdrücklich wird erwähnt, dass sich darunter viele einflussreiche Männer befanden.

Kritisch, aber mit offenem Herzen in der Bibel zu lesen, hilft damals wie heute weiter, wenn man der Wahrheit auf die Spur kommen will. Sie zeigt uns den Weg zu dem auferstandenen Jesus, der sich dann selbst beweist, wenn man ihm die Chance dazu lässt. Paulus hatte das erlebt: Jesus stand eines Tages überraschend vor der Tür seines Lebens. Nicht als Traum, schon gar nicht als Albtraum, sondern auferstanden und völlig real. Deshalb wollte Paulus seitdem diese unglaubliche Botschaft anderen weitersagen, überall, wohin er kam.

Und wenn jemand ihm dann zweifelnd erwiderte: „Das kann ja jeder behaupten“, hat er wahrscheinlich einfach herzlich eingeladen: „Dann prüf es doch nach und überzeug dich selbst!“ Das Ergebnis ist bekannt, nicht nur aus Beröa.

Tagesimpuls Matthäus, 11. Januar 2021

Der rote Faden

Fast jeder kennt sie: die Beispielgeschichte vom barmherzigen Samariter, die Jesus erzählt. Sie ist so bekannt, dass der Ausdruck „Samariter“ geradezu sprichwörtlich geworden ist und für gute Taten steht. Dabei war es eigentlich nur der Angehörige einer Volksgruppe, wie etwa Bayern, Sachsen oder Ostfriesen. Beheimatet allerdings im heutigen Israel und zur Zeit von Jesus mit zweifelhaftem Ruf. Wie gesagt: seine Geschichte, die Jesus erzählt, ist bekannt. Weniger bekannt ist dagegen der Anlass, dessentwegen Jesus sich dieses Gleichnis ausdachte. Einer, der sich recht gut im Wort Gottes auskannte, ein sogenannter Schriftgelehrter, steht eines Tages vor Jesus und stellt ihm eine große Frage, eine, die heute die allerwenigsten Menschen noch stellen: „Was muss ich eigentlich tun, damit ich ewiges Leben bekomme?“ – Stellen Sie sich vor, morgen würde Sie jemand völlig unverhofft mit dieser Frage überrumpeln: „Was muss ich tun, damit ich in den Himmel komme?“ „Na ja“, würden wir vielleicht stottern, „das kann man so pauschal nicht sagen, das kommt ja immer darauf an, und letztendlich weiß man so etwas ja auch nicht wirklich sicher.“ Jesus dagegen antwortet – wie so oft – mit einer klugen Gegenfrage: „Du kennst dich doch in den heiligen Schriften aus. Was liest du denn dort?“ Der Schriftgelehrte atmet tief durch und auch innerlich auf, denn auf dem Gebiet kennt er sich ja aus. Und so kommt die Antwort auch wie aus der Pistole geschossen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Verstand, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Nachlesen kann man das alles übrigens in Lukas 10 ab Vers 25. War Jesus damit zufrieden? Offenbar sogar sehr, denn er sagt dem Schriftgelehrten nur: „Das war die richtige Antwort. Wenn du das tust, wirst du leben!“

Mit dieser Antwort hat jener bibelfeste Mann also den roten Faden der Bibel beschrieben. Viele meinen, ein bestimmtes Verhalten sei nötig, um in den Himmel zu kommen. Im Gespräch zwischen Jesus und dem Schriftgelehrten wird aber deutlich, dass es um Liebe geht. Und Liebe ist ein Verhältnis-Wort. Es beschreibt das intakte Verhältnis zwischen Gott und uns und zwischen uns und unserem Nächsten. Jesus vertraut darauf, dass unser Verhalten in Ordnung sein wird, wenn es von Liebe, also dem richtigen Verhältnis gekennzeichnet ist. Es geht in der Bibel nicht in erster Linie um das richtige Tun, sondern von der ersten bis zur letzten Seite um Liebe. Die ganze Schöpfung ist in ihrer Genialität schon eine einzige Liebeserklärung Gottes an uns. In Jesus wird die Liebe Gottes Person, mit Händen zu greifen. Und am Ende der Zeiten soll das Verhältnis zwischen Gott und uns und zwischen allen Kreaturen wieder von einer einzigartigen Harmonie der Liebe geprägt sein. Kein Wunder, dass der Weg dorthin auch von Liebe gekennzeichnet sein soll, ganz genau so, wie es der Schriftgelehrte zitiert hatte.

„Lebenselixier Bibel“ ist das Thema der 175. Internationalen Gebetswoche der Evangelischen Allianz, die gestern begonnen hat. An jedem Tag wird ein Aspekt dieses Themas beleuchtet. Heute ist es der rote Faden der Liebe, der bis in den Himmel reicht.

Abends kann man übrigens in Hagen per Zoom digital an der Gebetswoche teilnehmen, immer um 19.30 Uhr. Mehr dazu kann man auf unserer Homepage nachlesen: Infoflyer Allianz-Gebetswoche. Vielleicht sehen wir uns ja an einem der Abende zwischen Montag und Freitag. Ich lade Sie herzlich dazu ein.

Tagesimpuls Matthäus, 9. Januar 2021

Rückblick

Die erste volle Woche des Jahres liegt hinter uns. Geschafft! Immerhin können wir heute schon auf gut acht Tage 2021 zurückblicken. Was hat das Jahr bisher gebracht?

In den Nachrichten zumindest einmal ein anderes Thema als Corona, wenn auch kein besseres. Was sich in dieser Woche um und im Kapitol in Washington abspielte, war beschämend für die amerikanische Gesellschaft. Und sonst? Hier ein paar Tagesschau-Meldungen der letzten sieben Tage: Amsterdam will Touristen Zugang zu Coffeshops verbieten; Tesla-Chef Elon Musk hat den Amazon-Besitzer Jeff Bezos als reichsten Mann der Welt abgelöst; der Lockdown wird bis zum 31. Januar verlängert und verschärft; in Norwegen werden erstmals weltweit mehr Elektro-Autos gekauft als Diesel- oder Benzin-Fahrzeuge; der seit fast drei Jahren todgeglaubte Karl-Erivan Haub lebt möglicherweise noch – und die meisten orthodoxen Christen haben erst Mitte dieser Woche Weihnachten gefeiert.

Wesentlich interessanter wäre es natürlich, zu erfahren, wie Ihre Woche gewesen ist. Wie viele gute Vorsätze haben diese Woche überlebt? Wie lief’s zuhause mit den Kindern angesichts von verlängerten Weihnachtsferien mit Wegfahr-Sperre? War es auf der Arbeit gefühlt eine Woche voller Montage nach den vielen Feiertagen bzw. langen Wochenenden? Und wieviel Altlasten aus 2020 haben Sie möglicherweise noch mit durch diese Woche geschleppt? Noch interessanter ist vielleicht die Frage: wie sehr haben Sie sich in dieser Woche durch das beeindrucken lassen, was Ihnen nicht gut gelungen ist? Die Frage, ob etwas misslungen ist, stelle ich erst gar nicht. Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass auch die erste Woche des neuen Jahres keine perfekte Woche war, weder für Sie noch für mich. Es ist völlig normal, dass unser Wochen-Rückblick auch irgendwie eine Geschichte von Schuld, von verpassten Gelegenheiten, von egoistischen Motiven, von lieblosen Worten oder Taten usw. ist.

Schuld ist nicht das eigentliche Problem. Problematisch wird es, wenn wir es machen wie so viele: wir nehmen unsere ganz persönlichen roten Zahlen der Woche einfach irgendwie hin – und mit in die nächste Woche. Die Folge: am Ende des Jahres blicken wir auf einen ganzen Berg unbewältigter Schulden zurück. Und auf dem Weg dahin wird unser Schuld-Rucksack, den wir mit uns schleppen, immer schwerer.

Ein ehrlicher Rückblick auf die Woche mag nicht besonders gut für uns aussehen, ist aber notwendig, um die Last auf dem Rücken nicht zu schwer werden zu lassen. Das Angebot von Jesus gilt am Ende des Jahres, des Tages und eben auch dieser Woche: Überlass mir die roten Zahlen deines Lebens, leg deine Last bei mir am Kreuz ab, denn da habe ich dafür bezahlt. Die Bibel nennt das: Vergebung. Und dann geh unbelastet in Woche Nummer Zwei, sieh nicht mehr zurück, denn erst jetzt bist du wirklich bereit für alles, was die nächsten sieben Tage bringen werden.

Ich wünsche Ihnen heute so einen befreienden persönlichen Wochen-Rückblick!

Tagesimpuls Matthäus, 8. Januar 2021

Ausblick

Um die Jahreswende herum hat die Esoterik scheinbar Hochkonjunktur: Silvester wird munter Blei gegossen, um aus den zufälligen Gebilden irgendwelche Rückschlüsse für das neue Jahr zu ziehen, Jahreshoroskope sind hoch im Kurs, Karten werden als Ansage für die Zukunft gelegt und Verschwörungstheorien besonders gepflegt.

Was dahinter steht, ist verständlich: wir würden gerne wissen, was in diesem Jahr auf uns zukommt. Dann könnten wir uns darauf einstellen. Tatsache ist aber, dass wir das einfach nicht wissen können, egal welche Methoden wir dafür bemühen. Wir können planen, vorsorgen, prognostizieren, aber wie es dann wirklich kommt … Im letzten Jahr haben wir zur Genüge gesehen, dass ein Ausblick in die Zukunft nur sehr vage möglich ist.

Die verschieden gestalteten Lockdowns Ende letzten und Anfang diesen Jahres, dieses Entscheidungen, die Gewissheit nur wieder für die nächsten zwei Wochen geben, haben uns gezeigt: wir fahren wie im Nebel durch diese Zeit und haben nur eine kurze Sicht.

Umso wohltuender ist es, dass es doch etwas gibt, das wir sicher für das ganze vor uns liegende Jahr sagen können, einfach weil die Bibel es uns immer wieder zusagt. Ich will dabei nur an zwei bekannte Bibelstellen erinnern, die sich darin ganz einig sind.

Nummer 1 ist Psalm 23, Vers 4. Dort betet David: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir!“ Stochern im Nebel? Fahren ohne Licht? Selbst in solchen Lebenslagen ist Gott bei uns.

Nummer 2 stammt aus dem neuen Testament, es ist der letzte Vers des Matthäus-Evangeliums. Dort verspricht Jesus: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage“. So unsicher vieles sein mag, dieses Versprechen ist eine sichere Konstante für unser Leben.

Das ist doch ein wirklich guter Ausblick für dieses Jahr! Dietrich Bonhoeffer fasste diese Glaubensgewissheit sogar angesichts eines neuen Jahres, das ihm wahrscheinlich den Tod bringen würde, so zusammen: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Das gilt heute und morgen und auch noch am 31. Dezember 2021, wenn dieses Jahr zuende gehen wird. So viel kann ich sicher sagen, auch wenn alles andere noch im Nebel liegt.

Tagesimpuls Matthäus, 7. Januar 2021

Durchblick

Gestern ging es – der Tag legte es nahe – um die sogenannten Heiligen drei Könige. Sie hatten, als sie nach langer Reise in Israel ankamen, eine erste Begegnung der besonderen Art: die mit König Herodes. Der versuchte, ihnen Sand in die Augen zu streuen und sie für seine fiesen Pläne hinterrücks einzuspannen. Mit keinem Wort erwähnt Matthäus, dass die Weisen aus dem fernen Osten diesen machthungrigen Potentaten durchschaut hätten.

Und trotzdem ließen sie sich nicht vor seinen todbringenden Karren spannen. Warum nicht? Nicht etwa, weil sie im Nachhinein misstrauisch geworden wären. Sondern weil Gott ihnen Durchblick gegeben hatte. Matthäus berichtet (Matth. 2,12): „Gott befahl ihnen im Traum: Geht nicht wieder zu Herodes! – Deshalb kehrten sie auf einem anderen Weg in ihr Land zurück.“

Sie sind übrigens nicht die einzigen, die in diesem Zusammenhang durch Träume Durchblick von Gott geschenkt bekommen. Gleich danach geht der Bericht von Matthäus mit einem Traum Josefs weiter. Ihm wird dringend ans Herz gelegt, mit Jesus und Maria nach Ägypten zu fliehen, weil Herodes das Kind töten wolle. Das war nicht das erste Mal, dass Josef ein Engel im Traum erschien. Als Maria schwanger wurde, hatte er das schon einmal erlebt. Es war Gott wichtig, dass Josef gewissermaßen aus erster Hand wusste, dass dieses Kind nicht von einem Nebenbuhler stammte, sondern von Gott selbst. Seit diesem Traum hielt Josef in großer Treue an Maria fest und zog Jesus wie sein eigenes Kind auf.

Ich muss gestehen: ich kann mich persönlich nicht daran erinnern, dass Gott durch einen Traum schon einmal so deutlich zu mir gesprochen hätte wie zu Josef und den Weisen. Aber ich habe eine andere Erfahrung gemacht. Die Erfahrung nämlich, dass Gott durch die Bibel, während des Betens, im Gespräch mit anderen Christen, durch besondere Ereignisse in meinem Leben … und wahrscheinlich auf noch mehr Arten deutlich in mein Leben hineingesprochen hat. Und hier oder da hat er mir auf diese Weise auch den nötigen Durchblick gegeben.

Am Ende meiner Schulzeit wusste ich nicht, ob ich Journalist, Kriminalbeamter oder Pastor werden sollte. Alle drei Berufe reizten mich irgendwie. Ich hatte aber nicht den geringsten Durchblick, welchen ich wählen sollte. Ob ich Gott ganz konkret in dieser Zeit gebeten hatte, mir Durchblick zu verschaffen, kann ich heute nicht mehr sagen. Eins weiß ich aber noch genau: innerhalb von ein oder zwei Wochen sprachen mich drei Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen scheinbar aus heiterem Himmel an und fragten mich, ob ich mir nicht schon einmal überlegt hätte, Pfarrer zu werden. Da merkte ich ganz hautnah: Gott spricht in mein Leben hinein, schenkt Durchblick, ob seine Boten das nun in himmlischer oder sehr irdischer Gestalt tun, ist dabei völlig egal.

Und dann ist eigentlich nur eins wichtig, was auch Josef und die Weisen beherzigt haben: tun, was Gott uns klar gemacht hat. Weil es das Beste für uns und andere ist. Gott schenke Ihnen und mir diesen Durchblick auch 2021 immer wieder.

Tagesimpuls Matthäus, 6. Januar 2021

Sternstunden

Heute ist Epiphanias, das Licht-Fest, bzw. der Tag der heiligen drei Könige. Der Tag, an dem – normalerweise – die Sternsinger von Tür zu Tür gehen. Nur in diesem Jahr eben nicht. Vor gut zwei Jahrtausenden wurden Sterne nicht besungen, sondern beobachtet. Ganz besonders im Orient. Babylonier konnten schon sehr früh sehr genau astronomische Gesetzmäßigkeiten berechnen. Aus dieser Gegend kamen die Weisen, von denen Matthäus in seinem Bericht über die Geburt von Jesus erzählt. Weit in die Tiefen des Alls sahen sie, beobachteten den Lauf der Gestirne, achteten auf besondere Sternkonstellationen. Und eines Tages sahen sie am Himmel ein Zeichen. Bis heute streiten sich die Gelehrten, welche Sternenkonjunktion sie genau beobachtet hatten. Fest steht aber: sie muss für diese Sterndeuter so eindeutig gewesen sein, dass sie eine beschwerliche Reise Richtung Westen in Kauf nahmen, um sich zu vergewissern.

Ganz sicher waren sie nicht die einzigen, die jenes Sternzeichen entdeckt hatten. Aber sie waren offenbar die einzigen, die sich auf den Weg machten. Wenn es stimmte, dass die Sterne auf einen neugeborenen König hingewiesen hatten, der Anbetung verdiente, dann wollten sie diesen König finden und vor ihm ihre Knie beugen. So begründeten sie ihre Reise nach Jerusalem König Herodes gegenüber (Matth. 2,2).

Auch heute noch machen sich die Wenigsten auf den Weg, um sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, wer Jesus ist. Das ist nicht nur deswegen schade, weil Christsein so nie aus der Theorie-Falle herauskommt und zu keinerlei Gewissheit führt. Es auch deswegen bedauerlich, weil man die große Freude nicht erlebt, die man mit Jesus ganz offensichtlich geschenkt bekommt. Matthäus berichtet das so (Matth. 2,9-11): „Als die Sterndeuter den Stern über dem Haus stehen bleiben sahen, in dem das Kind war, kannte ihre Freude keine Grenzen. Sie betraten das Haus, wo sie das Kind mit seiner Mutter Maria fanden, fielen vor ihm nieder und ehrten es wie einen König.“

Wer sucht, der findet! Wer Jesus sucht, findet den Dreh- und Angelpunkt des Universums – und seines eigenen Herzens. Der Moment, wo wir uns von Jesus selbst überzeugen, oder besser: überzeugen lassen, ist die Sternstunde unseres Lebens! So wie schon damals in Bethlehem.

Heute gibt’s (zumindest hier auf der Homepage) noch einen kleinen Nachschlag:

Tagesimpuls Matthäus, 5. Januar 2021

Gute Nachsätze

Gestern ging es um gute Vorsätze. Es gibt auch in einem etwas anderen Sinn gute Vorsätze – und schlechte Nachsätze. Eines der bekanntesten Beispiele: „Herr Müller, ich kann mir wirklich kaum vorstellen, wie meine Firma ohne Sie auskommen soll, aber ab Februar wollen wir es trotzdem versuchen.“
Oder die gerade im Trend liegenden „Ich habe einen Witz über“-Flachwitze. Hier ein paar von diesen zweifelhaften Vorbildern für gute Vor- und schlechte Nachsätze: „Ich habe einen Witz über den Ozean, aber der ist zu dreckig.“ Oder: „Ich habe eine Witz über Avocados, aber der ist zu weit hergeholt.“ Und schließlich einer der flachsten überhaupt: „Ich habe eine Witz über’s Fahrrad, aber den fahrrad ich nicht.“
Auch in der Bibel gibt es positive und eher kritische Nachsätze. Sie sind in der Regel nicht witzig, sondern ganz ernst gemeint. Das Buch der Sprüche Salomos ist voll davon. In Kapitel 20, Vers 17 liest man beispielsweise: „Das gestohlene Brot schmeckt dem Manne gut; aber am Ende hat er den Mund voller Kieselsteine.“
Einer der schönsten Nachsätze findet sich auch im Alten Testament, beim Propheten Jesaja (Kapitel 54, Vers 10): „Berge mögen einstürzen und Hügel wanken, aber meine Liebe zu dir wird nie erschüttert, und mein Friedensbund mit dir wird niemals wanken. Das verspreche ich, der Herr, der sich über dich erbarmt!“
Was für ein Vor-Satz: Einstürzende Berge, wankende Hügel. Bilder krasser Instabilität und Verunsicherung. 2020 haben wir erlebt, wie reihenweise Pläne in sich zusammenbrachen und manches ins Wanken geriet, das immer so sicher schien. Mögliche Impferfolge hin oder her: auch ohne Corona können Träume zerplatzen, Wünsche unerfüllt bleiben, Planungen durchkreuzt werden. Mit dieser Möglichkeit müssen wir rechnen, wenn wir realistisch sind. Aber dann kommt der Nachsatz wie Balsam auf eine wunde Seele. Gott sagt uns zu: egal was kommt und dir vielleicht den Boden unter den Füßen wegreißen möchte, ich werde mit meiner Liebe das Fundament bleiben, das dich trägt und hält. Ich bleibe unerschütterlich an und auf deiner Seite!
Daran mag man hier oder da schon mal zweifeln, wenn tatsächlich gerade alles Mögliche in unserem Leben in Schieflage rutscht. Und als ob Gott das genau wüsste, setzt er noch ein Versprechen als zweiten Nachsatz oben drauf: „Das verspreche ich, der Herr, der sich über dich erbarmt!“ Wenn Gott ein ausdrückliches Versprechen gibt, dann bedeutet das ja nichts anderes, als dass er sich daran messen lassen will. Nun ist Liebe ja schlecht messbar. Aber sie zeigt sich im Verhalten dem anderen gegenüber. Dass Gott uns unbändig liebt, hat er ja längst unter Beweis gestellt: in seinem Sohn Jesus Christus am Kreuz. Deshalb glaube ich Gott auch diesen wunderbaren doppelten Nachsatz aus dem Alten Testament und will ihn als Klammer um dieses ganze Jahr setzen, egal welche Turbulenzen es mit sich bringen wird: „Berge mögen einstürzen und Hügel wanken, aber meine Liebe zu dir wird nie erschüttert, und mein Friedensbund mit dir wird niemals wanken. Das verspreche ich, der Herr, der sich über dich erbarmt!“

Tagesimpuls Matthäus, 4. Januar 2021

Gute Vorsätze

Vor ein paar Jahren fiel mir eine Spruch-Karte in die Hände, die ich ebenso humorvoll wie zutreffend fand. Darauf war zu lesen: „Lieber Gott, bis jetzt lief‘s heute echt gut! Ich habe noch nicht getratscht und auch noch nicht meine Beherrschung verloren. Ich war noch nicht gehässig, fies, egoistisch oder zügellos. Ich habe noch nicht gejammert, geklagt, geflucht und bis jetzt noch kein Stück Schokolade gegessen. Geld habe ich auch noch nicht sinnlos ausgegeben. – Aber in ungefähr einer Minute werde ich aus dem Bett aufstehen – und dann brauche ich wirklich Deine Hilfe … !“
So ähnlich geht es mir mit dem neuen Jahr. Es hat ja gerade erst angefangen, gewissermaßen sind wir also noch gar nicht richtig aufgestanden und voll wach. Am 4. Januar ist es wahrscheinlich noch einigermaßen leicht, die guten Vorsätze zu befolgen, die man sich – wieder einmal – vorgenommen hat. Aber die Herausforderungen kommen ja erst, wo sich diese Vorsätze bewähren müssen.
Es mag Menschen geben, die sicherheitshalber ganz ohne gute Vorsätze ins neue Jahr gestartet sind. Dann kann man nicht so schnell enttäuscht werden, von sich selbst zumindest. Aber das wäre eigentlich ein wenig so, als wenn man morgens (sicherheitshalber) erst gar nicht aufstehen würde, um bloß nichts falsch zu machen. Außerdem: wer möchte ernsthaft genauso bleiben wie er ist? Wir wissen doch alle ganz genau, wo wir an uns arbeiten sollten, uns selbst und anderen zuliebe. Es wäre keine weise Entscheidung, die Bemühung darum schon gleich am Anfang des Jahres aufzugeben. Gute Vorsätze sind also gar nicht so übel, egal ob am Anfang des Jahres oder mittendrin.
Das Vertrackte dabei ist nur, dass wir in der Regel an ihnen scheitern. Das liegt nicht nur daran, dass wir unsere Ziele – möglicherweise in der Euphorie des Jahreswechsels – zu hoch stecken. Es liegt vor allem daran, dass wir unsere guten Vorsätze meist in einem Bereich fassen, in dem Veränderungen besonders schwer fallen: im Bereich unserer Persönlichkeitsstruktur. Da wollen wir endlich (also diesmal wirklich!) 20 Kilo abnehmen – und scheitern nicht an passenden Diätplänen, sondern schlicht an mangelnder Disziplin. Da möchten wir uns endlich (also diesmal wirklich!) mehr Zeit für die Familie nehmen – und scheitern daran, dass wir ganz grundsätzlich ein Problem damit haben, die richtigen Prioritäten zu setzen. Und natürlich wollen wir endlich den Schreibtisch in diesem Jahr frei von wachsenden Papierstapeln halten, aber auch das scheitert an unserem eher chaotischen Sinn für Ordnung. Noch schlimmer ist es, wenn es wirklich ans „Eingemachte“ geht: unseren Umgang mit unseren Gefühlen zum Beispiel.
Wer sich gerne ändern möchte, muss vor allem erst einmal zwei Dinge tun: Erstens sich die neue Jahreslosung zu Herzen nehmen: „Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist“ sagt Jesus, nachzulesen in Lukas 6,36. Und barmherzig dürfen und sollen wir – gerade im Bereich der guten Vorsätze – auch mit uns selbst sein! Das Zweite, das wichtig ist: Wir brauchen, wenn es um Persönlichkeitsveränderung geht, einen guten Trainer, der uns Schritt für Schritt in die richtige Richtung begleitet, uns ermutigt oder auch mal den Finger in die Wunde legt. Um es mit dem Gebet vom Anfang kurz auf den Punkt zu bringen: „Lieber Gott – und dann brauche ich wirklich deine Hilfe!“

Tagesimpuls Matthäus, 2. Januar 2021

Gute Ansätze

„Na, wie macht sich der Neue in der Abteilung?“ fragt die Abteilungsleiterin dessen bewährten Arbeitskollegen. „Ganz gut“, erwidert dieser, „auf jeden Fall zeigt er gute Ansätze.“
Wie wird die Vorgesetzte diesen Satz wohl interpretieren? Vielleicht dahingehend, dass da noch viel Luft nach oben ist. Aber möglicherweise hört sie auch heraus, dass es zwar Entwicklungspotential gibt, die Entwicklungsrichtung aber durchaus positiv ist.
Jedes Kalenderblatt dieses neuen Jahres ist ganz ähnlich. Es bietet gute Ansätze. Jeder Tag, sobald er begonnen hat, bietet uns jede Menge Entwicklungspotential. In welche Richtung sich dieser Tag aber entwickeln wird, liegt sehr an unserer Grundeinstellung dazu.
Es gibt Menschen, die schon morgens nicht viel Gutes vom Tag erwarten. Oder von Gott. Im biblischen Monatsspruch für Januar heißt es (Psalm 4,7): „Viele sagen: Wer wird uns Gutes sehen lassen?“ Sicher kann Gott solche Menschen trotzdem mit Gutem überraschen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dieses Gute überhaupt zu entdecken, wird umso kleiner, je weniger wir damit rechnen. Wer in seinen Arbeitsalltag startet und dort wieder nur den gleichen Trott erwartet, über Routine kaum hinausdenkt, Arbeitskollegen eher als lästige Übel sieht oder jede Nachfrage von „denen da oben“ als Infragestellung interpretiert, der wird in den acht Stunden Arbeitszeit kaum Gutes finden. Manche gehen nicht nur an ihren Arbeitsalltag, sondern an ihr ganzes Leben mit dieser Grundeinstellung heran. Das Entwicklungspotential ihrer Tage verpufft dann leider im Negativbereich. „Wer wird uns Gutes sehen lassen?“
Glücklicherweise geht der Monatsspruch Januar aber weiter: „Herr, lass leuchten über uns das Licht deines Antlitzes“. Eine Formulierung, die wir ähnlich aus dem sogenannten Aaronitischen Segen kennen, der oft am Ende eines Gottesdienstes gesprochen wird. Wer mit dieser Bitte in den Tag hinein geht, erwartet Positives von Gott. Um im Bild des Psalmverses selbst zu bleiben: der erhofft von diesem Tag, dass Gott ihn mit seiner wachsamen Fürsorge für uns zum Strahlen bringt. Die Möglichkeiten eines neuen Tages werden dadurch nicht größer. Ich bin mit dieser Einstellung aber bereit dafür, das Gute, das Gott an diesem Tag für mich vorbereitet hat, auch wirklich zu entdecken und zu nutzen.
Daher eine ganz praktische Anregung: Starten Sie doch einfach mit dem zweiten Teil des Monatsspruches in jeden neuen Tag: „Herr, lass heute über mir das Licht deines Antlitzes leuchten!“ Und dann fragen Sie sich abends ganz ähnlich wie im ersten Teil des Bibelverses: „Wo hat Gott mich heute Gutes sehen lassen?“ Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es ein bisschen Disziplin verlangt, das zu praktizieren. Ich weiß aber ebenso aus eigener Erfahrung, wie unterschiedlich ich einen Tag erlebe, je nachdem ob ich das tue oder nicht.
Und je nachdem, wann Sie diesen Tagesimpuls hören oder lesen: ich wünsche Ihnen, dass Sie die guten Ansätze dieses Tages noch entdecken oder aber dankbar schon darauf zurückblicken können. Gott segne Sie dabei!

Tagesimpuls Matthäus, 1. Januar 2021

Ein unbeschriebenes Blatt

Herzlich willkommen im neuen Jahr! Neujahr! Das ist ja irgendwie der coolste Tag des Jahres. Fast so etwas wie ein „Neuanfangstag“. Der Vergleich ist ein wenig abgegriffen, ich greife ihn trotzdem auf: das neue Jahr, das vor uns liegt, ist wie ein unbeschriebenes Blatt in einer Kladde, deren endgültige Seitenzahl niemand von uns kennt. Gestern Abend durfte ich umblättern – und nun liegt also ein neues Blatt bereit, blanko, bis jetzt. Was am Ende von 2021 wohl alles darauf zu lesen sein wird? Keine Ahnung.
Fest steht allerdings: ich werde nicht der einzige sein, der dieses Blatt nach und nach, Tag um Tag beschriften wird. Andere schreiben mit, teilweise ohne dass ich sie dazu eingeladen hätte: meine Familie, meine Freunde, Arbeitskollegen, Menschen aus der Gemeinde, Nachbarn, vielleicht Ärzte, auf jeden Fall irgendwie Politiker und Medienleute. Manche Einträge werde ich so gut finden, dass ich sie mir gerne wieder ansehe, andere würde ich wahrscheinlich am liebsten wie mit der „Entfernen“-Taste des PC löschen. Das geht aber auf diesem Blatt nicht. Was dort geschrieben wurde, bleibt!
Also muss ich gut überlegen, was ich mit diesem leeren Blatt anfangen soll, Tag für Tag. An sehr vielen Stellen kann ich es ja selbst ganz aktiv gestalten, und ich hoffe und bete, dass ich das weise und liebevoll tue. Aber was ist mit den anderen, die dieses Jahresblatt mitbeschreiben werden? Natürlich kann ich versuchen, den ein oder anderen von ihnen fernzuhalten, dem ich nicht über den Weg traue. Aber das habe ich nur sehr bedingt in der Hand. Außerdem gestaltet schon dieses Misstrauen mein Blatt mit.
Etwas anderes kann ich aber sehr wohl tun: bewusst diejenigen zum Mitgestalten meines Jahres einladen, die es gut mit mir meinen, die ihr Bestes für mich geben, deren Liebe wunderbare Farben und Worte auf meinem Jahresblatt hinterlassen, deren ehrliche Kritik mich vor manchem Fehler bewahrt und deren Rat mir zu guten Entscheidungen hilft. Ich wäre töricht, wenn ich sie von der Gestaltung ausschließen würde!
Und deshalb wäre ich dumm, wenn ich Gott nicht möglichst viel Gestaltungsraum in meinem Blanko-Jahr geben würde, auf den all das zutrifft, was ich gerade gesagt hatte. Ich weiß, mit den guten Vorsätzen ist das so eine Sache (von Ansätzen, Vorsätzen und Nachsätzen reden wir in den nächsten Tagen noch ein wenig mehr). Aber einen Vorsatz habe ich deshalb eben doch: dass Gott mehr Raum in meinem Leben bekommen soll als im letzten Jahr. Weil das entscheidend dafür sein wird, ob ich am Ende von 2021 eher dankbar und erfüllt oder zerknirscht und enttäuscht auf das Jahr zurückblicken werde.
Tag für Tag will ich diese Entscheidung neu treffen, dass Jesus mein Jahresbegleiter und -gestalter ist. Ich wünsche uns ein gesegnetes neues Jahr, weil jeden Tag gilt, was der Spruch des Tages aus Hebräer 13,8 zusagt: „Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“.

Tagesimpuls Matthäus, 30. Dezember 2020

Bilanzfälschung

Das Jahresende ist auch die Zeit der Jahresrückblicke, öffentlich und privat. Was hat das Jahr gebracht? Was bleibt „unterm Strich“? Es ist die Frage nach der Jahresbilanz. In den entsprechenden Fernsehsendungen wird ganz sicher auch ein Finanz- und Bilanz-Skandal eine Rolle spielen: Mitte des Jahres platzten die jahrelang scheinbar unbemerkten Machenschaften der Firma Wirecard wie eine Seifenblase. Ein Netz aus Bilanzfälschungen und Marktmanipulationen wurde offengelegt, mit denen man den tatsächlichen Marktwert erfolgreich verschleiert hatte. Nun ist man überall zutiefst empört über dieses ebenso absurde wie kriminelle Geschäftsgebaren.
Dabei machen wir alle es doch ganz ähnlich. Ich will das ganz persönlich an der Währung verdeutlichen, die im zwischenmenschlichen Bereich vor allem zählt – und die vor allem bei Gott „unterm Strich“ zählt: Liebe. Wenn ich Bilanz für das Jahr 2020 ziehe, dann sehe ich am Ende auf 366 Tage voller Möglichkeiten, die Gott mir zur Verfügung gestellt hat. Zu diesen Möglichkeiten gehören 8.784 Stunden Zeit, und in dieser Zeit hunderte von Begegnungen; lauter Gelegenheiten, Menschen in Wort oder Tat Gutes zu tun, Anteil an ihrem Leben zu nehmen, ihnen wirklich zuzuhören, mein Ego weniger wichtig zu nehmen als das ihre, nicht nur etwas, sondern mein Bestes für sie zu geben und nicht zuletzt auch vor Gott im Gebet für sie einzutreten. Wenn ich also unter diesem Vorzeichen Bilanz für dieses Jahr ziehe, werde ich sehr kleinlaut. Denn ich merke ja, wieviel Liebe ich Menschen in den zurückliegenden zwölf Monaten schuldig geblieben bin, angefangen bei meiner eigenen Familie. Die Liebes-Bilanz fällt also negativ aus.
Aber das ganze Jahr über habe ich es gemacht wie die Verantwortlichen von Wirecard: ich sagte „Ich habe keine Zeit“, wo ich mir einfach nur nicht Zeit genommen habe; ich verschleierte egoistische Motive und Bequemlichkeit als Sachzwänge oder Prioritätensetzung; ich tarnte Lieblosigkeit als angebliche Konsequenz. Kurz und gut: im Hinblick auf das Kapital, das bei Gott vor allem zählt, betätige ich mich nur zu gerne als Bilanzfälscher.
Möglicherweise geht es Ihnen völlig anders als mir. Dann ist dieser Tagesimpuls nichts für Sie. Vielleicht leiden Sie aber auch unter Ihrer negativen Liebes-Bilanz dieses Jahres (wieder einmal!). Ich kann Ihnen leider wenig Mut machen, dass das am Ende von 2021 deutlich besser aussehen wird. Ich kann Ihnen und mir aber zwei Wahrheiten als Trost vor Augen halten: zum einen darf ich diese ganze Negativbilanz aus 2020 ans Kreuz tragen, wo Jesus mein Leben durch seinen Tod aus der Schuldenfalle rettet; zum anderen ist da noch diese ganz andere Liebesbilanz, die immer positiv in meinem Leben ausfällt: egal wie rot die Zahlen in meinem Leben sind, sie ändern nichts daran, dass Gott mich trotzdem liebt. Diese Liebe macht es mir möglich, meine persönliche Bilanz für dieses Jahr nicht zu fälschen, sondern mich ihr zu stellen, auch wenn das nicht besonders angenehm sein mag. Die letzten beiden Tage dieses Jahres will ich dafür besonders nutzen.

Ein Hinweis für morgen und übermorgen: Silvester bieten wir statt des Tagesimpulses ab 17 Uhr einen Online-Gottesdienst an. Der Tagesimpuls für Neujahr wird aus technischen Gründen erst ab dem Nachmittag des 1. Januar zur Verfügung stehen.

Tagesimpuls Matthäus, 29. Dezember 2020

Jesus bringt in Bewegung

Es ist gut, in Diskussionen einen klaren Standpunkt zu vertreten. Polit-Talks oder Sportler-Interviews leiden ja darunter, dass man sich mittlerweile nach allen Seiten absichert und entsprechend profillos und langweilig mit vielen Worten wenig sagt. Standpunkte haben aber einen Nachteil, der sich schon im Wort selbst ausdrückt: sie sind unbeweglich und wenig lebhaft. In Glaubensfragen ist das besonders problematisch. Wo Christen auf Standpunkten beharren, wird Glaube ganz schnell dogmatisch. Da geht es nicht mehr um das Ringen um Wahrheiten, sondern um das Fürwahrhalten von Richtigkeiten. Und vor allem: es geht nicht mehr um die Person Jesus Christus, sondern um Sachfragen.
Wenn man die Bibel liest, stellt man dagegen fest: immer schon ging es beim Glauben gerade darum, gewohnte und liebgewordene Standpunkte zu verlassen und sich auf den Weg zu machen. Manchmal (wie bei Abraham zum Beispiel) sogar auf den Weg in eine unbekannte Zukunft. Als Jesus geboren wurde, war das nicht anders. Die Weihnachtsberichte nach dem Matthäus- und Lukas-Evangelium sind voller Bewegung: Maria und Josef machen sich auf den Weg von Nazareth nach Bethlehem und später sogar nach Ägypten; die Hirten bewegen sich von ihrer Herde weg zu Jesus hin; der Himmel ist voller Bewegung, indem Gott immer wieder seine Engel mobilisiert; ein paar Sterndeuter weit aus dem Osten bewegen sich gen Westen, um den neugeborenen König zu finden; Herodes setzt alles Mögliche in Bewegung, um sich diesen König vom Hals zu schaffen … man könnte die Liste noch fortsetzen.
Gott bringt durch Jesus Himmel und Erde in Bewegung. Stillstand, unverrückbare Standpunkte sind gerade kein Kennzeichen eines lebendigen Glaubens. Wer nach fünfzig Jahren Christsein mit stolzgeschwellter Brust behauptet, an seinem Glauben habe sich nichts geändert, wird wahrscheinlich an „Pistosklerose“, an Glaubensverkalkung leiden (diesen Ausdruck gibt es natürlich eigentlich nicht, die Diagnose an sich leider schon). Noch ungesünder ist es allerdings, sich von Jesus erst gar nicht bewegen zu lassen. Erschreckend viele Menschen ziehen sich auf feste und oft auch bequeme Standpunkte zurück, wenn sie sich von Jesus herausgefordert fühlen. Vielleicht aus Angst, wohin Jesus sie bewegen könnte, wenn sie das zuließen. Also bleibt man lieber bei dem, was man kennt und liebt. Die Folge ist dann so etwas wie „Biosklerose“, Lebensverkalkung: ein Leben, das immer unbeweglicher, lebloser wird.
Mit Jesus aber kommt Bewegung in Himmel und Erde, in unser Leben und unser Herz. Sogar bis ins hohe Alter hinein. Nicht einmal der Tod kann diese Bewegung stoppen. Denn wer sich von Jesus bewegen lässt, bewegt sich immer Richtung Leben und kommt dem Himmel täglich näher. Auch heute.

Tagesimpuls Matthäus, 28. Dezember 2020

Freude auf Befehl

Die Weihnachtstage sind vorbei. Diesmal waren es sogar drei. Für manche waren es auch drei Tage verordneter Freude. Natürlich war die Weihnachtsfreude coronabedingt in diesem Jahr besonders strapaziert. Aber ganz Pandemie-unabhängig ist diese institutionalisierte Festtagsfreude für etliche Menschen immer schon ein Problem gewesen: da trifft man sich mit der Familie, Verwandten und Freunden (sonst jedenfalls) und darf ja gar nichts anderes, als sich zu freuen. Das wird Weihnachten einfach erwartet. Dementsprechend gequält, abgerungen oder aufgesetzt fällt diese Freude dann auch manchmal aus. Was soll man denn auch machen? Da sucht jemand zum Beispiel wirklich liebevoll ein Geschenk aus, leider haarscharf an unseren Bedürfnissen oder unserem Geschmack vorbei, also sind wir schon aus Dankbarkeit zur Freude darüber verpflichtet.
Aber: Freude auf Befehl geht einfach nicht! Denn Freude gehört zu unseren spontanen, unplanbaren seelischen Reaktionen. Insofern ist der Liedtext des anfangs gehörten Weihnachtsliedes fast eine Zumutung: „Freu dich, Erd und Sternenzelt!“
Also habe ich mich gefragt: wodurch wird große Freude eigentlich spontan entfacht? Dieses Kribbeln im Bauch wie bei der Fahrt auf der großen Schiffsschaukel im Freizeitpark. Vor allem durch eins: Liebe! Eine tiefe, ehrliche Liebeserklärung stimuliert direkt unser Freude-Zentrum. Oder Dankbarkeit. Zum Beispiel für ein wirklich einmaliges Geschenk, das mir jemand macht und das genau in meine Bedürfnis-Lücke trifft. Ganz wesentlich auch: Vergebung. Da können sogar Tränen vor lauter Freude und Erleichterung fließen. Ich habe das schon erlebt und Sie vielleicht auch. Und nicht zuletzt: schlichte pure Lebensfreude wie wir sie an einem Tag erleben, wo wir einfach mit Gott, der Welt und uns selbst im Reinen sind.
Weihnachten enthält all das! Gott möchte, dass wir das Verhältnis zu uns selbst, unserer Lebenswelt und ihm als harmonisch erleben können. Dazu hatte er im Paradies alles vorbereitet. Und dann kam der Riss dieser Harmonie: Misstrauen, Schuld, Verlust des Gartens Eden. Aber Gott hat seinen Plan für uns nie aufgegeben. Weil er uns liebt. Aus Liebe macht er uns dieses einmalige Geschenk: ein Kind kommt zur Welt, in ihm kommt Gott uns nah. Und später wird dieser Jesus am Kreuz dafür sorgen, dass Vergebung nicht nur ein Wort bleibt, sondern den Riss zwischen Gott und uns heilt. Mehr als genug Initialzündungen für echte, ungeheuchelte Weihnachtsfreude also. Sogar nach den drei Weihnachtstagen. Dafür braucht man eigentlich auch gar keine besondere Aufforderung!

[Herzlichen Dank für das Lied „Freu dich, Erd und Sternenzelt“, eingesungen vom Projektchor der Familie Rüger, der eigentlich am Heiligabend unseren Live-Gottesdienst mitgestaltet hätte!]

Tagesimpuls Matthäus, 26. Dezember 2020

Da kann man sich nur wundern!

Sie waren nicht dabei gewesen. Weder draußen auf dem Feld, noch drinnen im Stall. Anders als die Hirten. Aber sie hatten es von den Hirten gehört: wie Gott ihnen Engel in ihre Dunkelheit geschickt hatte; was die Engel gesagt und gesungen hatten, und dass dann in Bethlehem in einem Stall alles tatsächlich genauso gewesen war, kurz und gut: dass sie, die Hirten, den langersehnten Messias in einem kleinen Kind gefunden hatten. Die Leute rund um Bethlehem sahen das Leuchten in den Augen, als die Hirten davon erzählten. Aber, wie gesagt: sie selbst waren nicht dabei gewesen. So wie wir!
Wie hätten wir wohl auf das reagiert, was die Hirten erzählt haben? Wahrscheinlich ähnlich wie heute noch die Menschen reagieren, wenn sie hören, dass Gott Mensch geworden ist. Im Weihnachtsbericht wird diese Reaktion so wiedergegeben: „Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten“ (Lukas 2,18). – Das Wort, das an dieser Stelle im griechischen Text des Neuen Testamentes steht, ist genauso doppeldeutig wie die deutsche Übersetzung: „sie wunderten sich“.
Wenn ich mich über jemanden oder etwas wundere, dann ist damit entweder anerkennendes Staunen gemeint oder aber ungläubiges Kopfschütteln. Eines ist solch ein „Sich-Wundern“ aber nie: eine völlig neutrale Haltung.
Im Laufe des Lebens von Jesus setzt sich das fort, was schon in Bethlehem begann: Menschen waren begeistert von Jesus – oder lehnten ihn ebenso heftig ab. Sogar noch unter dem Kreuz schüttelten die meisten römischen Soldaten spöttisch den Kopf über Jesus. Bis auf einen Hauptmann. Der staunte nur: „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“ (Markus 15,39). Genau darum geht es ja auch in dieser unglaublichen Weihnachtsbotschaft: das Kind in der Krippe ist Gottes Sohn, Gottes Liebesbeweis für uns Menschen. Da kann man sich nur wundern – bis heute!