9. Dezember

Die drei Versprechen

Es ist kurz vor Weihnachten. Julius besucht seinen Großvater und beobachtet ihn interessiert bei dessen Hobby: Schnitzen. Gerade schnitzt er eine Figur für die neue Krippe. Ein paar Hirten, Schafe und andere Krippenfiguren sind schon fertig und stehen auf dem Tisch. Draußen ist es bereits dunkel und Julius wird müde. Mit dem Blick auf die Krippenfiguren nickt er ein und träumt.

In seinem Traum steht er plötzlich zwischen all den Figuren, die lebendig geworden sind. Und so macht er sich mit den Hirten auf den Weg. In Bethlehem finden sie das Jesuskind im Stall, und Julius kommt es vor, als sähe es ihm direkt in die Augen.

„Drei Dinge hätte ich gerne von dir, Julius“, sagt es zu Julius‘ großer Überraschung. Er überlegt. Was könnte Jesus damit gemeint haben? „Meine neuen Fußballschuhe vielleicht? Oder mein neues Computerspiel? Oder vielleicht mein Mountainbike?“, fragt der Junge. – „Nein“, erwidert das Jesuskind, „all das brauche ich nicht. Ich möchte von dir etwas ganz anderes haben: Schenk mir deinen letzten Deutschaufsatz!“ – Julius wird blass und stammelt: „Aber, aber … da hat meine Lehrerin doch ‚ungenügend‘ drunter geschrieben; schlechter geht es nicht!“ – „Genau“, meint Jesus, „und gerade deshalb möchte ich den Aufsatz von dir haben.“ – Julius runzelt die Stirn und versucht zu verstehen. Da fragt das Kind in der Krippe ihn: „Wie wär’s, wenn du mir immer alles bringst, was andere oder du selbst ungenügend findest? Willst du das tun?“ – „Gern“, sagt Julius verwundert.

„Gut, ich möchte aber noch etwas von dir haben: deine Müslischale!“ – „Aber die hab ich doch zerbrochen, weil ich wütend war!“ – „Eben. Bring mir doch einfach immer alles, was in deinem Leben kaputt gegangen und zerbrochen ist. OK?“ – Julius nickt nachdenklich, sagt aber kein Wort.

„Ich habe aber noch einen dritten Wunsch“, meint Jesus. „Bring mir doch bitte die Antwort, die du deiner Mutter gegeben hast, als sie nach der zerbrochenen Müslischale fragte!“ – Julius sieht das Jesuskind traurig an und beginnt zu weinen: „Aber ich habe sie doch angelogen und behauptet, sie wäre mir aus Versehen auf den Boden gefallen!“ – „Ja, das weiß ich“, hört er aus der Krippe. „Und deshalb wünsche ich mir von dir, dass du deine Lügen, deine Wut, einfach alles, was du selbst nicht gut findest, zu mir bringst. Und dann kann ich dir helfen und vergeben, dich heilen und verändern!“

Aber ehe Julius dem Jesuskind darauf eine Antwort geben kann, wacht er aus seinem kurzen Traum auf. So jung er auch noch sein mag, eins hat er dadurch nun wirklich verstanden: dass Gott in dem kleinen Jesuskind Mensch wurde, damit er alles Ungenügende, Zerbrochene und Böse heilen und verwandeln kann. Julius sieht sich die Krippenfiguren auf dem Tisch an, lächelt in sich hinein und spürt in seinem Herzen eine ganz eigenartige, wunderbare Weihnachtsfreude.

(nach einer Erzählung von Walter Baudet)