16. Dezember

Mögliche Gedanken eines Esels

Was hat wohl der Esel gedacht in der heiligen Nacht,
als er plötzlich die Fremden sah im Stall?
Vielleicht hat er Mitleid verspürt, hat das Bild ihn gerührt
und er rückte zur Seite sehr sozial;
vielleicht aber packte ihn die Empörung:
„Welch eine nächtliche Ruhestörung!
Kaum schlaf ich Esel mal ein,
schon kommen hier Leute herein!“

Und dann lag da vor ihm das Kind und er dachte: „Jetzt sind
es schon drei – was ist das für eine Nacht!
Da hält doch das Kind mir zuletzt meine Krippe besetzt!“
Und er polterte völlig aufgebracht:
„Ich lasse ja manches mit mir geschehen,
doch wenn sie mir an mein Futter gehen,
dann ist’s mit der Liebe vorbei!“
Und er dachte an Stall-Meuterei.

Er wusste ja nicht, wer es war, den die Frau dort gebar,
hatte niemals gehört von Gottes Sohn;
doch wir wissen alle Bescheid und benehmen uns heut‘
noch genau wie der Esel damals schon:
denn Jesus darf uns nicht vom Schlaf abhalten,
nicht unsern liebsten Besitz verwalten;
doch wer ihm die Türen aufmacht,
der hat jeden Tag Heilige Nacht!

(Manfred Siebald)